Wir werden heute

Wir werden heute so mit Kenntnissen voll-
gestopft, dass es für uns fast unmöglich
geworden ist, noch unmittelbar zu erleben.

Schmerz und Freude erleben wir zwar noch
aus erster Hand und persönlich, aber wir
verarbeiten sie bereits nach einem fremden
Massstab, der uns von den „Massgebenden“
der Religion und der Gesellschaft aufgedrängt
wird.

Wir sind allesamt Geschöpfe fremden Denkens
und fremder Einflüsse, wir werden durch religiöse
und politische Propaganda geformt...

Wir selbst aber sind ein Bündel wirrer Re-
aktionen, unsere eigene Mitte ist so wenig
greifbar wie die versprochene Zukunft.

Blosse Worte sind für uns von erstaunlicher
Bedeutung, ihr Inhalt erregt uns und wühlt
uns auf; Begriffe sind uns wichtiger als das,
was dahintersteckt.

Das Symbol, das Bild, die Flagge, der Lärm
bedeuten uns alles; der Ersatz und nicht die
Wirklichkeit ist unsere Stärke.

Wir lesen von den Erlebnissen anderer, wir
sehen zu, was uns andere vorspielen, wir
folgen dem Beispiel, das uns andere geben,
wir zitieren die Worte anderer.

Wir selbst sind inwendig leer und suchen diese
Leere mit Worten, Eindrücken, Hoffnungen und
Bildern der Phantasie zu füllen, aber die Leere
bleibt...

Wahres Erleben kann nur zustande kommen,
wenn der Wunsch nach Eindrücken oder Reizen
still geworden ist.

Alles Namengeben und Einordnen muss ein
Ende haben.

Es gibt kein Denken ohne Worte; wer sich vom
Reiz der Worte fangen lässt, der fällt dem Zauber
seiner eigenen Wunschträume zum Opfer.

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