Das Ich ist aus Widersprüchen


Das Ich ist aus Widersprüchen zusammen-
gesetzt; es besteht aus vielen Wesenheiten
in verschiedener Verkleidung, und jede von
ihnen steht im Gegensatz zu den anderen.

Das ganze Gefüge des Ichs ist das Ergebnis
einander widerstreitender Interessen und
Werte sowie vieler höchst unbeständiger
Begierden in den verschiedensten Schichten
seiner Existenz.

Und jede dieser Begierden erzeugt zu allem
Überfluss auch noch ihr eigenes Gegenteil.

Das Ich ist also ein wahres Netzwerk in-
einander verwobener Begierden, deren
jede ihre eigene Schwungkraft und ihr
eigenes Ziel besitzt, oft genug in schroffem
Gegensatz zu allen anderen Hoffnungen
und Bestrebungen.

Je nach der Anregung oder dem Reiz des
Augenblicks kleidet sich das Ich bald in
das eine, bald in das andere dieser „Wunsch-
kostüme“, und daraus ergibt sich natürlich eine
Fülle innerer Widersprüche.

Diese Gegensätze in uns selbst sind die
Brutstätten von Illusionen und Schmerzen,
denen wir durch alle erdenklichen Selbst-
täuschungen zu entgehen suchen, ohne
damit jedoch etwas anderes zu erreichen
als eine Verschärfung unserer Konflikte und
unseres Elends.

Wird der innere Widerspruch unerträglich,
dann flüchten wir uns bewusst oder unbewusst
in den Tod oder in den Wahnsinn, dann retten
wir uns in die Hingabe an eine Idee, eine
Partei, ein Volk, irgendeine Tätigkeit die uns
mit Haut und Haaren verschlingt, dann finden
wir vielleicht Halt in einer organisierten Religions-
gesellschaft mit ihren Dogmen und Riten.

Der Zwiespalt in uns selbst führt also entweder
zu weiterer Selbstexpansion oder zur Selbstzer-
störung, dem Wahnsinn.

Wir brauchen nur zu versuchen, etwas anderes
darzustellen als wir sind, und schon ist der
Widerspruch da. Angst vor dem, was ist,
erzeugt die Illusion des Entgegengesetzten,
und indem wir dieses Entgegengesetzte zu
verwirklichen trachten, hoffen wir, die Angst
loszuwerden.

Betonung und Pflege eines Entgegenge-
setzten führt aber nie zu einem Ausgleich
des Widerspruchs, sondern bewirkt nur
seine Verschärfung.

Ausgleich oder Synthese erwächst nun einmal
nicht aus Widerstand; denn aller Widerstand
vergrössert nur die Spannung zwischen den
Gegensätzen...

Ausgleich unserer inneren Gegensätze können
wir nur finden, wenn wir innewerden, wie es um
unser Wüschen und Begehren bestellt ist...

Wenn wir das Wesen des Zwiespalts begreifen
und seiner innewerden, erreichen wir nicht nur
Ausgleich und Frieden, sondern etwas unendlich
viel Grösseres.

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