Trotz und Wasser (Ausgabe 48/04 Die Weltwoche)
Von Thomas Meyer
«Schreiben Sie einen Text über das Weinen der Männer», lautet die Aufgabe. Das sagt bereits etwas aus: Das Weinen des Mannes unterscheidet sich vom Weinen der Frau. Ist das so? Zunächst ist zu sagen, dass Aussagen über das eine Geschlecht stets etwas Gegenteiliges über das andere mit meinen: So hört man oft, dass Männer Mühe hätten, über ihre Gefühle zu sprechen. Wer dies sagt (Frauen sagen es), meint damit auch, dass Frauen keine Mühe haben, über ihre Gefühle zu sprechen. Jede geschlechtsbezogene Aussage besteht somit aus zwei Aussagen und ein Text über die Tränen der Männer somit aus zwei Texten.
Würde hier beispielsweise behauptet, dass Männer selten, aber aus tiefster Seele weinen, so besagt dies auch, dass Frauen sowohl pausen- als auch grundlos weinen. Die Voraussetzung für solch abenteuerliche Mutmassungen ist die Annahme, dass Mann und Frau grundsätzlich verschieden sind, das Leben grundsätzlich anders erleben und diesem, sich selbst und einander demzufolge auch unterschiedlich begegnen.
Mann und Frau stellen ihre zahlreichen Theorien jedoch nicht auf, um einander zu verstehen, sondern um sich das Leben leichter zu machen. Die Frau, die behauptet, dass Männer nicht über ihre Gefühle reden können, befreit sich aufgrund der damit festgestellten Tatsache, dass sie sehr wohl über ihre Gefühle reden kann, nämlich von jeglicher Verantwortung: Geht etwas schief, war der Schuldige (der Unfähige) schon längst bekannt.
Zurück zu den Tränen der Männer. Ein Text darüber kommt noch immer daher wie eine Pioniertat. Denn ein weinender Mann ist wie ein Toyota auf dem Pannenstreifen – man sieht so was so gut wie nie. Wann weint ein Mann? Wie und wo? Und vor allem: Warum? Das sind die Unbekannten. Doch vor den Tränen des Mannes müssen wir diesen selbst definieren. Schliesslich macht es wenig Sinn, über den Untergang eines Schiffes zu reden, ohne seine Bauweise und allfällige Eisberge zu erwähnen. Was also ist der Mann?
Der Mann ist ein Mensch. Er ist voller Liebe, die er geben und empfangen möchte; er ist voller Angst, dass ihm das nicht oder nicht mehr gelingen könnte und voller Schmerz, wenn es ihm nicht gelingt; er ist voller Traurigkeit über die Welt und das Leben; über seine Grenzen und jene seiner Träume. Er fühlt sich einsam und unverstanden, oft ist er es auch. Eigentlich ist ihm oft zum Weinen zumute. Aber im allgemeinen Empfinden gilt der Mann als wenig gefühlvoll. Man schreibt diese Tugend eindeutig der Frau zu. Das birgt eine fatale Dynamik: Weil Emotionalität als etwas rein Weibliches betrachtet wird, beanspruchen Frauen sie von vornherein für sich, während Männer nicht wirklich etwas damit zu tun haben wollen.
Tatsächlich ist Emotionalität etwas Weibliches. Die Problematik entsteht auch erst, wenn man «weiblich» mit «nur für Frauen» übersetzt. Denn in jedem Mann steckt viel Weibliches – Zärtlichkeit, Sensibilität, Verletzlichkeit. Wenn aber die Frauen nun denken, das gehöre alles ihnen, und die Männer, das sei alles schwul, dann haben wir ein Problem. Und eine erste Erklärung, warum Männer selten weinen.
Die erste Feststellung lautet daher: «Weiblich» und «männlich» sind Attribute ohne Geschlecht. Es ist unser Drang nach Ordnung und Einfachheit, der diese Attribute absolut verteilt. Eine sachlich denkende Frau gilt demnach unweiblich; ein einfühlsamer Mann als unmännlich. Es entsteht eine Kluft zwischen Sein und Seinsollen. Unsachlichkeit (also viel Tränen) beziehungsweise Regungslosigkeit (also wenig Tränen) rücken die Welt dann wieder zurecht.
Verkitschte Geilheit und faules Gejammer
Nachdem eine weinende Frau keine Seltenheit ist, glaubt man also, dass die Frau einen gesunden Zugang zu ihren Gefühlen, ja: überhaupt Gefühle hat. Beim Mann zweifelt man grundsätzlich an beidem, und zwar in der Art und Verhaltenskonsequenz, wie man einem Jugoslawen eine kriminelle Gesinnung unterstellt oder einer Krankenschwester Frivolität. Die zweite Feststellung lautet deshalb: Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen den männlichen Gefühlen, wie man sie wahrnehmen kann und wie sie wirklich sind.
Wenn man einen Mann mit der Idee beobachtet, dass er zu Gefühlen kaum fähig ist, so wird man auch keinen Ausdruck davon vorfinden und jeden tatsächlichen einem anderen Ursprung zuschreiben. Das Maximum an Emotion, das dem Mann zugetraut wird, ist denn auch die Wehleidigkeit. Auch deshalb zögert er mit dem Weinen – würde Lachen bei Männern als ein Zeichen von Dummheit angesehen, hörte man es wohl auch eher selten.
Die dritte Feststellung lautet: Die angebliche Gefühllosigkeit der Männer wird dadurch real, dass sie gemeinhin als real angenommen wird. Man nennt dies eine sich selbst erfüllende Prophezeiung – die Ursache entsteht erst durch den Glauben an die Wirkung: Verliebtheit wird dem Mann als verkitschte Geilheit ausgelegt und Traurigkeit als faules Gejammer. Also ruft er im Bestreben nach innerer und äusserer Glaubwürdigkeit die Pole seiner Empfindungen zurück und wird emotional moderat – was den Beweis für den ursprünglichen Verdacht erbringt.
Vor einiger Zeit hatte ich eine merkwürdige Begegnung mit einer jungen Frau, die mir einen Abend lang fröhlich eine Reihe von massiven Charakterdefiziten unterstellte, die sie im Übrigen bei allen Männern vorfinde, wie sie versicherte. Unter anderem verkündete sie, dass Männer nur am Körper einer Frau interessiert seien und nie an ihrer Persönlichkeit. Als ich ihr nach einer Weile entgegnete, dass die generelle Niedertracht, die sie bei den Männern auszumachen glaube, wohl eher in ihren konkreten Vorhaltungen liege, guckte sie mich verblüfft an und meinte: «Aber einem Mann macht das doch nichts aus?»
So sieht man ihn, den Mann! Ein grober Steinklumpen, zu keiner Empfindung fähig, und sollte er sich verletzt fühlen, so wird er sich wahrscheinlich geirrt haben. Man nimmt einen Mann nicht ernst, wenn er verletzt ist, denn man traut es ihm schlicht nicht zu. Dass die junge Frau sich selbst als Königin der Feinheit pries, obwohl aus ihrem hübschen Mund die Granaten purzelten, war nur konsequent.
Ein Opfer der nassen Propaganda?
Bitte, ich will mit alledem nicht behaupten, Männer seien verkannte Engel und Frauen gut getarnte Monster. Ich will lediglich zum Ausdruck bringen, dass Emotionen kein Monopol der Frauen sind. Wer aber, wie diese junge Frau, denkt, Mann und Frau seien wie Udai Hussein und Lady Di, läuft Gefahr, sein Verhalten (und seine Gefühle) in keiner Weise mehr zu prüfen.
Gerade bei solchen Frauen fliessen die Tränen ungehemmt, als Zeichen des Vorwurfes, als Flagge der moralischen Überlegenheit. Denn Tränen sind ein Zeichen von Schmerz, und wo Schmerz ist, ist ja wohl auch ein Verursacher. Die junge Frau fing auch tatsächlich an zu weinen, als ich die Grobheit hatte, ihre Vorwürfe nicht gelten zu lassen, sondern sie umzukehren.
«Aha, das ist jetzt also Weinen», denkt sich der Mann zu solchen Tränen, «das ist interessant, kann ich das wohl auch? Bin ich kaltherzig, wenn ich es nicht kann? Oder hat sie einfach einen Knall? Bin ich jetzt ein Macho, so zu denken? Oder schon ein Opfer ihrer nassen Propaganda? Darf ich sagen, dass ich überfordert bin, oder ist das dann wieder egoistisch? Sind ihre Tränen nicht letztlich zu vergleichen mit den Wutausbrüchen Klaus Kinskis?» Solche Überlegungen sind nicht gerade förderlich für die eigenen Tränen.
Die vierte Feststellung lautet nämlich: Die Tränen der Frauen stehen in Korrelation zu den Tränen der Männer. Frauen sehen die Männer selten weinen; das ist ihnen Anlass, die vermeintlich existierende emotionale Führungsrolle zu übernehmen. Männer sehen Frauen oft weinen; das lässt auch den grössten Frauenverehrer die Augenbraue hochziehen und ein distanziertes Verhältnis zum Gefühlsausdruck überhaupt einnehmen.
Lassen Sie uns kurz zur Definition des Mannes zurückkehren, die nichts als die Definition des Herzens war: Das Leben tut dem Herzen weh. Es will jeden Tag aufs Neue hinausspringen und landet doch so oft in den Dornen der Ablehnung, der Ignoranz und der Realität. Die traurige Folge ist, dass das Herz sich verschliesst. Und es gibt ein männliches Verschliessen und ein weibliches, so wie es männliche Körperhaltungen gibt und weibliche. Die fünfte Feststellung lautet darum: Mann und Frau sind nicht grundsätzlich verschieden. Sie erleben die Dinge mit demselben grossen Herzen und derselben grossen Angst, aber sie gehen anders damit um.
Das männliche Verschliessen des Herzens ist die Härte nach aussen. Das männliche Herz will, dass man ihm seine Unverwundbarkeit ansieht, so wie der männliche Autobesitzer will, dass man seinem Fahrzeug Uneinholbarkeit ansieht. Diese Theorie der aktiven Haltung ist zwar ein Widerspruch zu der Behauptung, das männliche Verschliessen sei eine reaktive Folge der Angriffe der Frauen. Jedoch ist zu beachten, dass diese Angriffe ihrerseits eine Folge des Verschliessens sind: Das weibliche Verschliessen nämlich ist die Härte nach innen. Das weibliche Herz scheint dauernd mit sich zu schimpfen, dafür, dass es funktioniert. So sagen Frauen seltsame Dinge wie: «Ich will mich nicht in dich verlieben.»
Frauen sind fähig, ihr Herz an ein fiktives Kommandopult anzuschliessen und von einem Tag auf den anderen zu behaupten, sie hätten absolut keine Gefühle mehr für einen – und sich dann auch konsequent so zu verhalten. Frauen sind auch fähig, vor Erregung zu zergehen und einen exakt gegenteiligen Eindruck zu pflegen. Kürzlich sprach eine gute Freundin über einen möglichen Liebhaber: «Nie würde ich ihm zeigen, dass er mir gefällt!» Verstört forderte ich eine Erklärung, aber sie konnte mir keine geben.
Die Vermutung liegt nahe, dass Frauen gar nicht so einen guten Zugang zu sich selbst haben und Männer wohl gar nicht so einen schlechten. Frauen definieren sich bis zur blanken Hysterie über ihren Körper – und unterstellen dann dem Manne, an nichts anderem interessiert zu sein. Männer tun zwar gerne so, als seien sie unbesiegbar – aber es braucht wenig, bis sie darüber lachen. Daher die sechste und letzte Feststellung: Oft sind die Dinge, die man über die beiden Geschlechter zu wissen glaubt, genau umgekehrt.
Genug philosophiert. Dies ist ein Text über die Tränen der Männer, nun sollen sie fliessen. Hier eine Beschreibung der verschiedenen Tränen, die ein Mann weinen kann.
1 - Die Tränen der Ablehnung
Ich war dreiundzwanzig und sehr verliebt. Das Bett war frisch bezogen, Kerzen thronten reihum, und ich verliess das Haus zu unserem ersten richtigen Rendezvous. Der schöne Abend endete aber nicht in Zärtlichkeit, sondern mit der Beteuerung, dass sie ihren Freund liebe. Das frisch bezogene Bett empfing nur einen Leib und eine Flüssigkeit, nämlich die lauten Tränen der Ablehnung. Es sind dies auch die Tränen der Unverstandenheit und letztlich des Selbstmitleids. Mit den stillen Tränen der Trauer haben sie wenig zu tun, aber die beiden sind sich so ähnlich wie Verliebtsein und Habenwollen.
2 - Die Tränen der Trennung I
Die meisten Männer hören mit Beginn der Pubertät auf zu weinen. Das ist unter anderem auch ein Sieg über den Vater, aber eine Niederlage gegenüber sich selbst. Denn wer einmal seine Tränen zurückhält, wird es wieder tun. Bis man zum ersten Mal richtig liebt und dies zu Ende geht. Dann weint man tagelang, wochenlang, auch all die zurückbehaltenen Tränen, es ist sehr befreiend und in seiner Traurigkeit schön. Man neigt dann zur Deutung, die Geliebte habe einem die Tränen zurückgegeben, und wahrscheinlich stimmt das auch.
3 - Die Tränen der Trennung II
Die Tränen des Verlassenen verwundern wenig, jene des Verlassenden umso mehr. Der Verlassende weint, weil er sich seiner Unfähigkeit zur Liebe bewusst ist, wenigstens zu dieser. Er weint über das zertretene Geschenk. Und er weint, weil eine Trennung traurig ist. Niemand, der geht, tut dies mit Freude. Aber es gibt Menschen, die es fertig bringen, aus einer Trennung einen endgültigen Bruch zu machen und nie mehr ein Wort darüber zu verlieren. Sind sie auch traurig? Man weiss es nicht. Man sieht sie nie weinen.
4 - Die Tränen der erstickten Trauer
Die meisten Menschen, die ich kenne, tragen eine unglückliche Liebesgeschichte mit sich herum, mit der sie nie Frieden geschlossen haben, so das überhaupt möglich ist. Sie alle versuchen, sich mit ihrer unglücklichen Liebesgeschichte zu arrangieren. Ihre Sätze sind schrecklich hilflos: Das Leben geht weiter, ich habe einen Schlussstrich gezogen, man muss nach vorne schauen. Sie ersticken ihren Schmerz. Manchmal bricht er hervor, in einem der vielen Gespräche über unglückliche Liebesgeschichten, und dann brechen auch all die Tränen hervor, und beide erschrecken. Das sind die Tränen des erstickten Schmerzes, die verwandelten und zähen Tränen der Trauer, die man sich versagt hat. Es ist kaum auszuhalten, mit einem erwachsenen Mann an einem Tisch zu sitzen, der keine Minute zuvor noch markige Sprüche zum Besten gegeben hat und nun einen Frauennamen schluchzt.
5 - Die Tränen der Traurigkeit
Vor einiger Zeit hatte eine Freundin eine Affäre. Sie glaubte, dass daraus eine Liebesbeziehung werden würde. Die Art, wie der Mann sich das Mädchen vom Leibe hielt, die klamme Hoffnung in ihren Worten und die Kraft, die sie aufwendete, um ihr protestierendes Herz zum Schweigen zu bringen, waren unerträgtlich, und ich weinte. Das verstörte die Freundin; sie meinte, das sei ganz und gar übertrieben, schliesslich würde sich doch bald alles zum Guten wenden!
Meist untersagt man sich die Tränen der Traurigkeit (und seinem Gegenüber jene der Trauer) und erteilt lieber Ratschläge. Ratschläge heissen so, weil sie ein Schlag ins Gesicht eines Menschen sind, der Mitgefühl benötigt. Aber Mitgefühl macht traurig, und traurig sein macht einen weinen, und wer nicht weinen will, sagt eben lieber: Das Leben geht weiter, du musst einen Schlussstrich ziehen und nach vorne schauen. Es ist schade, dass die besten Freunde einander oft nur Durchhalteparolen zu bieten haben. Unverstandenheit und das Gefühl von Einsamkeit entstehen eben auch hier und oft nur hier.
6 - Die Tränen der Rührung
An der Air 04 in Payerne donnerten die italienischen Kunstflieger «Frecce tricolori» am Himmel herum, Pavarotti jubilierte aus den Lautsprechern, und der Sprecher der Staffel kommentierte mit solcher Herzlichkeit und Theatralik, dass mir die Tränen in die Augen schossen. Das fand ich übertrieben (warum?) und wischte sie mir verstohlen aus den Augen. Neben mir tat mein Vater dasselbe. Keiner sagte etwas. So sind wir Männer! Wir hausieren nicht mit unseren Gefühlen, wir setzen sie voraus. Also verschwenden wir keine Zeit mit gegenseitigem Vorheulen wie die Mädchen, sondern nutzen sie sinnvoll, etwa für den Betrieb von Kunstflugstaffeln. Leider verstecken wir damit eine Menge, vor allem voreinander. Die Tränen der Rührung gibt es auch bei Nationalhymnen und im Kino, und immer findet man sich ein bisschen blöd dafür.
«Die Federhure» und «Die Federhure ff.»
(bureau@thomasmeyer.ch).
http://www.weltwoche.ch/artikel/?AssetID=9373&CategoryID=66




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