Der Wert der Einsamkeit von Tobias Kniebe

Sie werde auf eine Party gehen und »ein bisschen das Leben geniessen«, sagte sie – und zwar ohne ihn. Das klingt nicht gut, dachte er, aber es klingt auch nicht superschlecht. Sie war ein anständiges Mädchen, Vertrauen war nicht das Problem zwischen ihnen. Was das Problem war, konnte er selbst nicht recht erklären. Er wusste nur, dass sie eine tolle Frau war und dass er – was auch passieren würde – kämpfen wollte und nicht gleich sagen: Das war’s. Also sagte er, dass er sie gern sehen würde, später in der Nacht. Er legte keinen besonderen Nachdruck in diesen Satz, und sie legte kein besonderes Gewicht in ihre Antwort: »Mal sehen.« Dann aber krochen die Stunden dahin, er lag im Bett und wälzte sich und konnte nicht schlafen, Minute für Minute hoffte er mehr, dass sie auftauchen würde, wartete auf das Klicken ihres Schlüssels im Schloss, auf das Zeichen dafür, dass alles noch gut werden konnte, dass ihr das drohende Ende ihrer Liebe nicht egal war, dass sie mithelfen würde bei dem Versuch, die Dinge wieder ins Lot zu bringen.

 

Das Klicken aber kam und kam nicht – und nie hätte er gedacht, wie sehr er in den folgenden Stunden die Fassung verlieren würde. Er sprach Botschaften auf ihren Anrufbeantworter, obwohl er genau wusste, dass sie nicht zu Hause war. Er fühlte sich so machtlos, dass ihm die Hände zitterten, er weinte verzweifelte Tränen in sein Kopfkissen, und schliesslich begann ein psychischer Sturz ins Nichts, der bis zum Ende der Nacht andauerte. Im Morgengrauen war er der einsamste Mensch der Welt: unendlich schwach, jeder Panzer zerbrochen, existenziell allein.

 

Und erst in diesem Moment dämmerte ihm eine Erkenntnis, auf die er anders nie gekommen wäre: dass er in Sachen Liebe ein Feigling gewesen war. Ja, er hatte es immer schick gefunden, sich nicht eindeutig zu dieser Frau zu bekennen; es schien ihm sicherer, gewisse Gefühle zurückzuhalten; und nie vergass er, offen mit der Möglichkeit zu spielen, dass sie vielleicht doch nicht die Liebe seines Lebens war. Egal, was sie in dieser Nacht getan hatte (nichts Besonderes, wie sich herausstellte) – er wusste am Morgen, dass er sie verloren hatte. So war es auch. Als die Sonne aufging, fasste er jedoch einen Entschluss fürs Leben: in Sachen Liebe für alle Zukunft mutig zu sein.

 

Einsamkeit ist vielleicht das unbeliebteste aller Gefühle, eine Art Paria unter den Emotionen. Berührt man sie, könnte man ja für immer infiziert werden. Als junger Mensch ist man allein, man ist Single, manchmal sogar aus Überzeugung – aber einsam ist man um Gottes Willen nicht. Dafür sind die Freunde und Freundinnen da, dafür gibt es die Clique, dafür spinnt man das ganze soziale Netzwerk, das einen im Ernstfall davor bewahren soll, zu sehr zum Nachdenken zu kommen. Denn eines ist klar: Um echte Einsamkeit zu spüren, braucht man erstens Ruhe und zweitens Mut.

 

Denn niemand hat je behauptet, dass dieser Trip eine angenehme Erfahrung sei. Man muss ihn zulassen, sich in ihn hineinstürzen wie in ein bodenloses Loch, ohne die Gewissheit, irgendwann auf dem Grund zu landen. Vielleicht wird man fallen und fallen und niemals Boden unter den Füssen spüren. Echte Einsamkeit erleben, das heisst auch, jede Sicherheit aufzugeben – all die kleinen Stützen, Lebenslügen, sorgsam gehegten Illusionen. Wer es wagt, diesem gewaltigen Gefühl ins Auge zu blicken, tritt am Ende sich selbst gegenüber. Das kann eine qualvolle Erfahrung sein – und dennoch die wertvollste, die es gibt.

 

Warum sie sich in ihn verliebt hatte, konnte jeder sofort erkennen: Es war sein wunderbarer, gefährlicher Charme, seine Impulsivität und Unbedingtheit, nach der man süchtig werden konnte. Er lebte seine Gefühle einfach aus, so schien es, und wer an seiner Seite war, konnte grosse und wahre Dinge erleben. Alle Frauen liebten das an ihm. Den anderen Teil seines Wesens aber hat sie erst nach und nach kennen gelernt: sein existenzielles Misstrauen, das niemand wirklich durchbrechen konnte, nicht einmal sie. Und eine Gier nach Liebe, mit der er sie immer wieder auf die Probe stellte – grausame, qualvolle Prüfungen, die es ihr kaum erlaubten, ihre Würde zu bewahren. Dazu kam ein Hang, sie immer brutaler wegzustossen, je standhafter sie sich zeigen wollte – als gelte es, an die Grenzen ihrer Liebe vorzustossen, die er ersehnte und gleichzeitig fürchtete. Er war ein Mann, der dauernd austeilen musste, aber selbst nicht einstecken konnte – und es half nichts, ihm zu sagen, dass es reichte. Er wusste ja, dass sie wiederkommen würde.

 

Sie kam immer wieder. Der Grund war ein doppelter: Es hatte einerseits wirklich mit Liebe zu tun, andererseits mit Angst. Angst vor der Leere, die nach ihm kommen würde, Angst vor der Einsamkeit. Vielleicht war ihr ganzes Leben eine Flucht vor diesem Gefühl, vielleicht hatte schon ihr cholerischer Vater ihr unmissverständlich klar gemacht, dass für das Glück, nicht einsam zu sein, ein Preis zu bezahlen war: der Preis des Duldens, des Ausweichens, des Ausgleichens – so war ihre Persönlichkeit darauf trainiert worden, sich in die Ecken zu verflüchtigen, sobald ein starker Wille den Raum betrat. Eines Nachts aber, als er sie wieder einmal davongejagt hatte, mit den übelsten Beschuldigungen und Beschimpfungen – da beschloss sie, der Einsamkeit gegenüberzutreten. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Sich in ihre schwarzen Arme zu legen, zu weinen, bis keine Tränen mehr kommen – und zu schauen, ob sie den nächsten Morgen erleben würde. Äusserlich war danach wenig geschehen. Sie ging nur nicht mehr zu ihm zurück. Als er schliesslich vor ihrer Türe stand, die grosse Umkehrung der Verhältnisse, spürte sie nicht mal einen Triumph. Sie sagte ihm nur, dass die Einsamkeit leichter zu ertragen sei als das Leben mit ihm. Und obwohl sie ähnliche Dinge schon tausendmal vorher gesagt hatte, spürte er den Unterschied sofort. Jeder sollte, sagt sie heute, einmal so der Einsamkeit gegenübertreten. Weil diese Erfahrung gerade nicht zum ewigen Alleinsein führt, sondern erst die Möglichkeit schafft, mit einem anderen Menschen glücklich zu werden. Sie hat Freundinnen, die toll aussehen und begehrt sind und es trotzdem nicht schaffen, die Liebe zu finden. Weil für jeden Mann, mit dem es nicht klappt, schon der nächste wartet; weil für jeden Moment, der Erkenntnis bringen könnte, schon wieder eine Party im Kalender steht. So fliehen sie ewig vor dem bitteren und harten Augenblick, der ihr Leben verändern könnte – vor der Wahrheit, die nur in der Einsamkeit zu gewinnen ist. Was diesen Freundinnen fehlt, ist ein starker Wille. Der Wille eines Menschen, der der Einsamkeit ins Auge gesehen und am Ende den Blick nicht gesenkt hat.

 

Der Junge wiederum, der in einer verzweifelten Nacht beschlossen hat, in Sachen Liebe mutiger zu sein – er hat diesen Entschluss nie bereut. Bei der nächsten Frau, die in sein Leben trat, bestimmten plötzlich nicht mehr Zweifel die Beziehung, sondern Hoffnungen. Und plötzlich hatte er die Kraft, sogar die Zweifel der Frau wegzuwischen, die vor ihm schon zu viele Männer getroffen hatte, die in Sachen Liebe Feiglinge waren. Erinnert er sich heute an seinen Sturz in die Einsamkeit, dann spürt er eine gewisse Dankbarkeit. Mutig sein, denkt er dann, ist ja im Grunde doch einfacher als Feigheit. Auf magische Weise fangen die Dinge an, nicht mehr schief zu gehen. Und sollte es doch passieren, man weiss ja nie – dann bleibt eine schöne neue Gewissheit: dass jeder Tag, jedes Wort, jeder Augenblick seinen Einsatz wert war.

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Kommentare

Gaby
2007-03-29 07:28:19
Liebe Rosanna,

dieser Text, gefällt mir am allerbesten!!!!

LG
2007-03-29 08:31:23
liebe gaby

in diesem text habe ich einen teil meiner eigenen geschichte nachlesen können und möglicherweise ist es dir gleich ergangen :-)

dieser satz gefällt mir am besten: "Um echte Einsamkeit zu spüren, braucht man erstens Ruhe und zweitens Mut."

wünsche dir einen schönen und glücklichen tag
-rosanna-
spiegelungen
2008-02-09 13:59:43
reflexionen, erfüllungen
in problemen
und gefühle als opfergaben
in den sensationen.
es liegt da so
eine gewisse aufmerksamkeit drauf. die ist doch sehr allgemein und schlicht. zu schlicht. ganz begriffen?

nun. ich bilde mir - fotos hab ich ja ausreichend von dir -
deine nähe ein. und dann bist du nicht da. da fehlt jetzt was.
da gibts nichts zu zu sagen bislang. da fehlt jetzt was.
das geht jetzt so nicht erst weiter.

was noch?
ich liebe die anderen nicht! versucht hab ichs; sie sind durchpervertiert.
für mich - das koennt ich garnicht vergeben oder verzeihen; was sie zuvor schon wussten.

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