Der Mensch

Der Mensch

Der Mensch, der intellektuell ist, voll von Wissen –
Wissen, das anders ist als Weisheit -, der Mensch,
der Pläne schmiedet, der die Welt retten möchte,
der voller intellektueller Erörterungen ist, voller
kognitiver Aktivität: das ist der Mensch, der sich
im Sex verfängt.

Weil sein Leben oberflächlich und schal ist und
sein Herz leer, wird Sex wichtig.

Und das ist es, was in der jetzigen Zivilisation
passiert.

Wir haben unseren Intellekt überkultiviert, und
der Verstand verfängt sich in seinen eigenen
Schöpfungen wie den Medien, dem Auto, den
mechanisierten Vergnügungen, dem techni-
schen Wissen und den verschiedenen Süchten,
in denen der Verstand schwelgt.

Es gibt also nur eine Tätigkeit

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Es gibt also nur eine Tätigkeit, in der das Ich
nicht betont wird, und die wird zum Problem,
nicht wahr?

Wenn es nur eine Sache in Ihrem Leben gibt,
die einen Ausweg zur Flucht in die vollständige
Selbstvergessenheit bietet, und sei es nur für
wenige Sekunden, dann halten Sie daran fest,
weil das der einzige Augenblick ist, in dem Sie
glücklich sind.

Alle anderen Bereiche und Themen, mit denen
Sie in Berührung kommen, werden zum Alptraum,
zu einer Quelle von Schmerzen und Leid, also
hängen Sie sich an die einzige Sache, die Ihnen
völlig Selbstvergessenheit gibt, die Sie Glück
nennen.

Aber sobald Sie sich daran hängen, wird auch
das zu einem Alptraum, weil Sie nicht zum
Sklaven werden, weil Sie sich dann davon
befreien wollen.

Also erfinden Sie, wieder in Ihrem Verstand, die
Idee von Keuschheit, von Zölibat, und Sie ver-
suchen vielleicht, im Zölibat zu leben, keusch
zu sein – durch Unterdrückung.

Das sind alles Vorgehensweisen des Verstands,
der sich vom Tun abschneidet.

Und es führt dazu, das Ich umso mehr zu
betonen, das versucht, „jemand“ zu werden –
so sind Sie erneut in Mühen, Problemen,
Anstrengungen und Leiden gefangen.

Wie kann es ohne Leidenschaft

Wie kann es ohne Leidenschaft Schönheit
geben?

Ich meine nicht die Schönheit von Bildern,
Gebäuden, gemalten Frauen und dergleichen.

Sie haben ihre eigene Formen von Schönheit,
aber wir sprechen hier nicht von oberflächlicher
Schönheit.

Eine Sache, die vom Menschen zusammengefügt
wurde wie eine Kathedrale, ein Tempel, ein Bild,
ein Gedicht oder ein Denkmal, kann schön sein
oder auch nicht.

Es gibt jedoch eine Schönheit jenseits von Ge-
fühlen und Gedanken, die man nicht erkennen
oder verstehen kann, wenn es keine Leidenschaft gibt.

Missverstehen Sie also das Wort Leidenschaft
nicht.

Es ist kein hässliches Wort, es ist nichts, was
Sie auf dem Markt kaufen oder worüber Sie
romantische Gespräche führen können.

Es hat nichts mit Emotion, mit Gefühl zu tun.

Es ist nichts, was respektabel zu nennen wäre;
vielmehr ist es eine Flamme, die alles zerstört,
was unecht ist.

Und wir haben immer viel Angst, der Flamme zu
erlauben, das zu verzehren, was uns lieb und
teuer ist, die Dinge, die wir wichtig nennen.

Wenn es keine Gegensätzlichkeit gäbe

Wenn es keine Gegensätzlichkeit gäbe – was
der Kampf zwischen Gut und Böse ist, zwischen
Leiden und Freuden, zwischen Erfüllung und
Frustration -, wenn man das richtig verstände,
dann würde Verlangen einen ganz anderen Sinn
gewinnen.

Dann wäre unser Wünschen etwas, das auf-
flammt, es hätte die Eigenschaft eines Drangs,
einer Schönheit, einer kraftvollen Reaktion – und
es wäre nichts, wovor man sich fürchten oder das
zerstört, erstickt oder geleugnet werden müsste.

Ist es nun möglich

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Ist es nun möglich, sich der schönen und
hässlichen Dinge im Leben bewusst zu sein,
sie wahrzunehmen, sie zu beobachten, und
nicht zu sagen „Ich muss das haben“ oder
„Ich darf das nicht haben“?

Haben Sie je etwas genau betrachtet?

Verstehen Sie, meine Herren?

Haben Sie je Ihre Frau beobachtet, Ihre Kinder,
Ihre Freunde – sie einfach betrachtet?

Haben Sie je eine Blume angeblickt, ohne sie
Rose zu nennen, ohne sie in Ihr Knopfloch
stecken zu wollen oder sie nach Hause nehmen
und jemandem geben zu wollen?

Wenn Sie einfach betrachten können ohne all
die Bewertungen des Verstands, dann werden
Sie feststellen, dass Verlangen nicht mehr so
furchterregend ist.

Sie blicken dann ein Auto an, sehen seine
Schönheit, und werden nicht vom Drang oder
Widerspruch des Verlangens eingefangen.

Das erfordert jedoch eine immense Intensität der
Betrachtung, nicht nur einen kurzen Blick.

Es ist nicht so, dass Sie kein Verlangen hätten,
aber der Verstand kann schauen, ohne zu
benennen.

Ich kann den Mond ansehen und muss nicht
sofort sagen: „Das ist der Mond. Sieh nur, wie
schön er ist.“

Es muss sich kein Geplapper des Verstands
einmischen.

Wenn Sie das tun können, werden Sie heraus-
finden, dass in der Intensität der Beobachtung,
des Spürens, der echten Zuneigung Liebe ihre
eigene Tätigkeit entfaltet, die nicht die entgegen-
gesetzte Handlungsweise zum Verlangen dar-
stellt.

Verlangen ist Energie

Verlangen ist Energie

Verlangen ist Energie, das muss man verstehen.

Man kann es nicht einfach unterdrücken oder an
irgendetwas anpassen.

Jede Anstrengung, Verlangen zu bezwingen
oder zu beherrschen, erzeugt Konflikt, der
einen Mangel an Sensibilität mit sich bringt.

Mann muss all die feinen Wege des Verlangens
erkennen und verstehen.

Die Wege des Verlangens können Ihnen nicht
beigebracht werden und Sie können das nicht
erkennen.

Verlangen zu verstehen, bedeutet, seine Bewe-
gungen ohne Erwartungen, Bewertung oder
Handlung bewusst wahrzunehmen.

Wenn Sie Verlangen zerstören, zerstören Sie
zugleich sowohl Sensibilität wie Intensität, die
für das Verstehen von Wahrheit wesentlich ist.

Die Sache, die man Liebe nennt

Die Sache, die man Liebe nennt, beruht auf
Wünschen, auf Verlangen – dem Verlangen,
mit einer Frau zu schlafen oder mit einem Mann
zu schlafen, dem Wunsch, sie zu besitzen, sie
zu beherrschen, sie zu kontrollieren.

“Sie gehört mir.“

Ist da Liebe in dem Vergnügen, das aus
Besitzansprüchen entsteht, aus Dominanz?

Der Mann beherrscht die Welt, und jetzt kämpft
die Frau gegen diese Dominanz an.

Vergnügen folgt dem Prozess

Vergnügen folgt dem Prozess, dass ein
gespeichertes Ereignis durch das Denken
fortgesetzt wird.

Denken ist die Wurzel von Vergnügen.

Wenn Sie kein Denken hätten und Sie würden
etwas Schönes sehen, würde es einfach dabei
bleiben.

Aber das Denken sagt: „Nein, ich muss das
haben.“

Daraus entsteht die gesamte Bewegung des
Denkens.

Unser Verstand richtet sich

Unser Verstand richtet sich nach dem Muster von
Vergnügen – und das Leben ist ganz offensicht-
lich kein reines Vergnügen.

Aber wir streben nach Genuss.

Das ist das Einzige, was wir tief innen wirklich
suchen, insgeheim.

Wir versuchen, aus fast allem Vergnügen zu
gewinnen, aber Vergnügen isoliert und verwirrt
nicht nur das Bewusstsein; wenn man es be-
trachtet, erzeugt es auch Werte, die echt sind,
nicht der Wirklichkeit entsprechen.

Genuss bringt Illusion mit sich.

Ein Geist, der nach Vergnügen strebt, wie es die
meisten von uns tun, isoliert sich nicht nur,
sondern muss sich auf unvermeidbare Weise in
einem Gegensatz zu allen seinen Beziehungen
binden, ob das nun die Beziehung zu Ideen ist,
zu Menschen oder zu Besitz; er muss sich
unweigerlich immer in einem Konflikt befinden.

Das ist also eine Sache, die wir verstehen
müssen: dass unsere Suche im Leben im
Grunde genommen das Verlangen, der
Drang ist, Vergnügen zu erfahren.

Kann es Liebe geben

Kann es Liebe geben, wenn es grosses Leid gibt,
sowohl physisches wie psychisches Leid?

Ist Wahrheit eine Sache der Schlussfolgerung,
eine Sache von Meinungen, eine Angelegenheit
der Philosophen, Theologen oder jener Men-
schen, die so sehr an Dogmen und Ritualen
glauben, die alle von Menschen gemacht
wurden?

Kann ein Bewusstsein, das auf diese Weise
geprägt worden ist, die Wahrheit erkennen?

Wahrheit kann nur dann sein, wenn der Geist
völlig frei von all diesem Durcheinander ist.

Philosophen und andere schauen sich nie ihr
eignes Leben an; sie bewegen sich in irgendeine
metaphysische oder psychologische Welt hinein,
über die sie dann schreiben.

Wahrheit ist etwas, das eine ausserordentliche
Klarheit des Geistes voraussetzt, ein Bewusst-
sein, das keinerlei Probleme hat, weder physisch
noch psychisch, einen Geist, der keinen Konflikt
kennt.

Sogar die Erinnerung an Konflikt muss aufhören.

Mit der Bürde der Erinnerung daran können wir
Wahrheit nicht finden.

Das ist unmöglich.

Wahrheit kann nur in ein Bewusstsein eintreten,
das auf eine erstaunliche Weise frei von allem ist,
was von Menschen gemacht wurde.

Das sind keine Worte an mich, verstehen Sie?

Wenn das nicht etwas Aktuelles wäre, würde ich
nicht darüber sprechen; ich wäre dann ja mir
selbst gegenüber unaufrichtig.

Wenn das keine Tatsache wäre, wäre ich ein
fürchterlicher Heuchler.

Das verlangt enorme Integrität.

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