30. November 2007
Von rosanna um 22:52
Sie können über diese Freude nicht nach-
denken; sie ist etwas Unmittelbares, und
wenn Sie darüber nachdenken, verwandeln
Sie sie in Genuss.
In der Gegenwart zu leben bedeutet, die
Schönheit unmittelbar zu empfinden und
das tiefe Entzücken, das damit verbunden
ist, ohne daraus weiteren Genuss ableiten
zu wollen.
29. November 2007
Von rosanna um 19:59
Zu sehen, was ist, ohne das Gestern,
das ist das Jetzt.
Das Jetzt ist das Schweigen des Gestern.
28. November 2007
Von rosanna um 20:23
Das Verlangen, andere zu verletzen, ist ein
starker Instinkt.
Wir speichern Groll, der ein gesteigertes
Lebensgefühl verleiht und einen heftigen
Drang zum Handeln erzeugt, und das auf-
gespeicherte Gefühl muss sich durch Zorn,
Beleidigung, Geringschätzung, Eigensinn
und deren Gegenteil Luft machen.
Gespeicherter Groll erfordert Vergebung, die
nur dann überflüssig wird, wenn der Verletzte
nicht ebenfalls seine Gefühle speichert.
Warum speichern wir Schmeicheleien und Be-
schimpfungen, Schmerz und Liebe so eifrig in
unserem Bewusstsein?
Ohne die Anhäufung von Erfahrungen und die
Reaktionen darauf existierten wir nicht; wir wären
nichts, wenn wir keinen Namen, keine Neigung,
keine Überzeugung hätten.
Die Angst vor dem Nichtssein zwingt uns,
Erfahrungen anzuhäufen, und die gleiche
bewusste oder unbewusste Angst führt trotz
dieser gehäuften Schätze zu unserer Auflösung
und Zerstörung.
Wenn wir der Wahrheit dieser Angst innewerden
können, dann wird es diese Wahrheit sein, die
uns von ihr befreit, nicht aber der noch so
hartnäckige Wille, uns freizumachen.
(162)
27. November 2007
Von rosanna um 19:20
Allein besitzen heisst eifersüchtig sein; festhalten
am Besitz erzeugt Hass.
Wir hassen in der Tat, was wir besitzen, das
verrät die Eifersucht.
Wo Besitz ist, gibt es keine Liebe; besitzen heisst,
die Liebe zerstören.
Es ist bestimmt gut, ein einfaches Leben zu
führen, weil es uns eine gewisse Freiheit gibt
und weil wir damit der Echtheit unserer
Gesinnung Ausdruck geben.
Aber wie kommt es eigentlich, dass wir immer mit
der äusseren, nie mit der inneren Einfachheit den
Anfang machen?
Tun wir es, um uns selbst und andere zu
überzeugen, dass es uns ernst ist?
Wozu bedürfen wir solcher Überzeugung?
Nicht Gesten und Überzeugungen, sondern nur
Einsicht befreit uns von der Tyrannei der Dinge;
Einsicht aber ist unabhängig von der Person und
ihrer Haltung.
(160)
26. November 2007
Von rosanna um 20:25
Sie stellen immer wieder die gleiche Frage.
Was Sie tun sollen, ist ganz unwichtig; es
kommt einzig und allein darauf an, dass
Sie sich vorbehaltlos darüber Rechenschaft
geben, was Sie tun.
Sie machen sich Gedanken über Ihr zukünftiges
Verhalten und versuchen auf diese Art nur, der
Forderung des Augenblicks auszuweichen.
In Wirklichkeit wollen Sie nichts tun; darum fragen
Sie in einem fort, was Sie tun sollen.
Sie bieten schon wieder Ihre Gerissenheit auf,
um sich selbst zu täuschen, und darum ist auch
Ihr Herz so leer.
Sie möchten es mit den Früchten Ihres Denkens
füllen, aber Liebe hat mit Denken nichts gemein.
Lassen Sie Ihr Herz leer, füllen Sie es nicht mit
Worten, die Ihnen der Verstand so breitwillig
liefern möchte, lassen Sie das Herz ganz leer
sein, nur dann kann es der wahren Fülle teilhaftig
werden.
(158)
25. November 2007
Von rosanna um 16:32
Wir werden heute so mit Kenntnissen voll-
gestopft, dass es für uns fast unmöglich
geworden ist, noch unmittelbar zu erleben.
Schmerz und Freude erleben wir zwar noch
aus erster Hand und persönlich, aber wir
verarbeiten sie bereits nach einem fremden
Massstab, der uns von den „Massgebenden“
der Religion und der Gesellschaft aufgedrängt
wird.
Wir sind allesamt Geschöpfe fremden Denkens
und fremder Einflüsse, wir werden durch religiöse
und politische Propaganda geformt...
Wir selbst aber sind ein Bündel wirrer Re-
aktionen, unsere eigene Mitte ist so wenig
greifbar wie die versprochene Zukunft.
Blosse Worte sind für uns von erstaunlicher
Bedeutung, ihr Inhalt erregt uns und wühlt
uns auf; Begriffe sind uns wichtiger als das,
was dahintersteckt.
Das Symbol, das Bild, die Flagge, der Lärm
bedeuten uns alles; der Ersatz und nicht die
Wirklichkeit ist unsere Stärke.
Wir lesen von den Erlebnissen anderer, wir
sehen zu, was uns andere vorspielen, wir
folgen dem Beispiel, das uns andere geben,
wir zitieren die Worte anderer.
Wir selbst sind inwendig leer und suchen diese
Leere mit Worten, Eindrücken, Hoffnungen und
Bildern der Phantasie zu füllen, aber die Leere
bleibt...
Wahres Erleben kann nur zustande kommen,
wenn der Wunsch nach Eindrücken oder Reizen
still geworden ist.
Alles Namengeben und Einordnen muss ein
Ende haben.
Es gibt kein Denken ohne Worte; wer sich vom
Reiz der Worte fangen lässt, der fällt dem Zauber
seiner eigenen Wunschträume zum Opfer.
(139)
23. November 2007
Von rosanna um 23:13
Wie stark wir doch an das Vergangene
gebunden sind!
Nein, wir sind nicht nur gebunden, wir sind
die Vergangenheit.
Dabei ist die Vergangenheit etwas unendlich
Kompliziertes.
Besteht sie doch aus Schichten über Schichten
ungeordneter Erinnerungen, freudiger und
trauriger in buntem Durcheinander.
Sie verfolgt uns buchstäblich Tag und Nacht,
und allzu selten gibt es in dieser Folge des
Sich-Erinnerns eine Lücke, durch die ein heller
Lichtstrahl fallen kann.
Die Vergangenheit ist wie ein Schatten, in
dessen Dunkel alles Leben matt und düster
erscheint.
Dieser Schatten raubt dem Heute seine Klarheit
und Frische und legt sich wie ein drohendes
Unheil über das Morgen.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden
durch den langen Faden des Gedächtnisses
zusammengehalten, und dieser ganze wenig
duftende Strauss trägt den Namen Erinnerung.
Das Denken wandert rastlos wie ein angekettetes
Tier durch die Gegenwart in die Zukunft und
wieder zurück, es bewegt sich in dem ihm
eigenen engeren und weiteren Zirkel, aber
es gelangt dabei nie aus dem Bereich seines
eigenen Schattens.
Diese Bewegung ist die Beschäftigung des
Denkens mit der Vergangenheit, der Gegenwart
und der Zukunft.
Denken kann niemals unbefangen sein und ist
daher auch niemals frei.
Denken ist nur die Weiterführung der Ver-
gangenheit, alle Fortsetzung aber ist an
das Vorangegangene gebunden und daher
nicht frei.
Freiheit herrscht nur, wo alles Gewesene
abgeschlossen und beendet ist.
(136)
22. November 2007
Von rosanna um 23:23
Weisheit und Wissen sind zwei grund-
verschiedene Dinge.
Wissen ist gehäufte Erfahrung; es ist der
Fortbestand jener Erfahrung, die sich als
Erinnerung niedergeschlagen hat.
Die Erinnerung kann gepflegt, gekräftigt, geformt
und zurechtgestutzt werden.
Sollte also die Weisheit wirklich nur angewandte
und erweiterte Erinnerung sein?
Kann denn Weisheit etwas sein, das Dauer
besitzt?
Wir haben doch den gehäuften Wissensschatz
von Jahrtausenden zur Verfügung, aber macht
uns dieser Reichtum etwa weise, glücklich oder
schöpferisch?
Hat Wissen schon einen einzigen Menschen
glückselig gemacht?
Wissen ist gehäufte Erfahrung, aber es ist kein
Erleben, es verhindert im Gegenteil alles Erleben.
Die Mehrung der Erfahrung ist ein kontinuierlicher
Vorgang, der durch jede zusätzliche Erfahrung
vorangetrieben wird, insofern jede Erfahrung die
Erinnerung weckt und belebt.
Ohne diese ständige Anregung zum Reagieren
würde die Erinnerung sehr bald verblassen.
Alles Denken ist Erinnerung, ist Wort, ist ein
Mehrer der Erfahrung.
Wie das Bewusstsein, so gehört auch das
Erinnern ganz der Vergangenheit an.
Diese Last des Gewesenen ist der Verstand,
ist das Denken.
Der Verstand ist die Summe des Gesammelten
und Gehäuften, wie sollte er also je die Freiheit
besitzen, die nötig wäre, um das Neue zu ent-
decken?
Der Verstand muss schweigen, wenn das Neue
werden soll.
(129)
21. November 2007
Von rosanna um 21:31
Rastloses Werken füllt unser Leben aus, wenn
aus irgendeinem Grunde einmal damit Schluss
gemacht werden muss, dann fühlen wir uns
ganz verloren, das Leben ist inhaltsleer und
sinnlos geworden.
Wir alle wissen um die gefürchtete Leere, die
hinter unserer Lebensarbeit lauert, zum min-
desten ahnen wir etwas davon, und darum
stehen Idee und Arbeit unter uns Menschen
so hoch im Kurs.
Überzeugungen geben dem Leben den
gewünschten Inhalt, und Arbeit wird uns
zum unentbehrlichen Rauschgift.
Ihr zuliebe nehmen wir jede Entbehrung und
jeden Nachteil in Kauf, machen wir uns jede
Illusion zu eigen.
Alles Handeln aus ideologischer Überzeugung
führt zu Unordnung und Zerfall.
Obwohl es nur der Ordnung und dem Aufbau
zu dienen scheint, hinterlässt es ein Meer von
Zwietracht, Leid und Elend.
Jede Art von Überzeugung, sei sie religiöser oder
politischer Art, sondert nämlich die Menschen
voneinander ab und verhindert, dass wir der
Liebe innewerden, die uns mit dem Bruder
Mensch verbindet.
Ohne dieses Innewerden gibt es kein wahres
Wirken.
(123)
20. November 2007
Von rosanna um 23:35
Wir Menschen sind doch seltsame Geschöpfe;
wir wandern wer weiss wie weit und suchen in
aller Ferne, was wir mit Händen greifen könnten.
Schönheit ist immer woanders, nie da, wo wir
gerade sind, die Wahrheit wohnt nicht bei uns,
sondern irgendwo in der Ferne.
Wir reisen ans Ende der Welt, um den Meister zu
finden, und gehen am Diener hochmütig vorbei.
Die einfachsten Dinge des Lebens, die Leiden
und Freuden des Alltags sind uns noch ein Buch
mit sieben Siegeln, dennoch streben wir nur
danach, den Schleier des Geheimen und Ver-
borgenen zu lüften.
Wir kennen uns selbst nicht, aber wir sind bereit
und willens, dem zu folgen, der uns einen Lohn,
eine Hoffnung, ein Utopia verspricht.
Wenn in uns selbst Verwirrung herrscht, kann
auch das, was wir aufnehmen, nur verworren
sein.
Solange wir halbblind sind, können wir nicht
klar sehen.
Was wir wahrnehmen, ist nur ein Teil, aber nicht
das Ganze, die Fülle.
Das alles wissen wir, dennoch ist unser Begehren
nach dem Höchsten und Letzten so übermächtig,
dass es uns in Wahn und bitteres Elend zu trei-
ben vermag...
Begehren bringt auch auf höchster Ebene immer
Zwietracht und Pein...
Unser Leben ist Unglück und eitler Wahn, allzu
selten sind jene lichten Augenblicke, in denen
uns die Freude reinen Seins durchströmt, daher
nehmen wir so eifrig jede Lehre in uns auf, die
uns, wenn auch nur von ferne, einen sicheren
Hafen zeigt.
(120)