Ein Problem kann nie

Ein Problem kann nie auf seiner eigenen
Ebene gelöst werden.

Da es auf alle Fälle darüber hinausgreift,
kann es immer nur als ein das ganze
Wesen umfassendes Ganzes begriffen
werden.

Der Versuch, ein Problem nur auf einer
Ebene, sei es der körperlichen oder der
seelischen, zu lösen, führt nur zu neuem
Konflikt, zu neuer Wirrnis.

Zur echten Lösung eines Problems ist jene
Aufgeschlossenheit oder untätige Wachheit
unerlässlich, weil sie uns allein in Stand setzt,
es in vollem Umfange zu begreifen.

(70)

Die meisten Menschen

Die meisten Menschen

Die meisten Menschen glauben nicht richtig
zu leben, wenn sie nicht ihre Sorgen hätten.

Für die Mehrzahl von uns ist in der Tat das
Ringen mit irgendwelchen Problemen eine
unabdingbare Begleiterscheinung des
irdischen Daseins.

Ein Leben ohne Probleme ist uns schlechterdings
unvorstellbar, und je intensiver uns ein Problem
beschäftigt, desto wacher und tatkräftiger glauben
wir zu sein.

In Wirklichkeit werden wir durch das ständige,
angespannte Nachgrübeln über ein Problem,
das doch ein Geschöpf unseres eigenen
Denkens ist, nur stumpf und müde und
gleichgültig.

(69)

Das Ich ist das Problem

(no title)
Wenn wir nur ein bisschen über eine Sache
Bescheid wissen, dann glauben wir schon,
sie erkannt und durchschaut zu haben; es
genügt uns, die Ursache eines Problems
zu kennen oder in Erfahrung zu bringen,
um uns einzubilden, es sei behoben.

Daher suchen wir immer nur nach den Ursachen
unserer Probleme und kommen eben dadurch
nicht dazu, des Problems selbst innezuwerden.

Die meisten von uns sind sich sehr bald über
die Ursachen im klaren; es ist ja nicht schwer
zu ergründen, warum man sich zum Beispiel
über andere aufregt.

Solange wir nach den Ursachen Ausschau
halten, sind wir eben noch in der glücklichen
Lage, die Wirkungen zu geniessen.

Oder ist etwa Entrüstung kein Genuss?

Wir beschränken uns dann auf den Ausgleich
der Wirkungen, kümmern uns aber keineswegs
um die Erkenntnis des ganzen Vorgangs.

Die meisten Menschen hängen nämlich an ihren
Problemen; sie kämen sich ganz verloren vor,
wenn sie sie nicht hätten.

Unsere Probleme machen uns zu schaffen; ihre
Auswirkungen füllen unser Dasein aus.

Ja, wir sind mit unseren Problemen und ihren
Auswirkungen identisch.

(67)

Wunschlosigkeit

(no title)
Wunschlosigkeit des Herzens ist tausendmal
wichtiger als Genügsamkeit.

Es ist im Grunde gar nicht schwer, mit
Wenigem zufrieden zu sein.

Auf Bequemlichkeiten zu verzichten, das
Rauchen und andere Gewohnheiten
aufzugeben, ist noch kein Zeichen
eines wunschlosen Gemüts.

Man wird nicht dadurch frei, dass man in
einer von Mode, Technik und Zerstreuungen
besessenen Welt im Lendentuch umhergeht...

Dieses Ringen um das wunschlose Sein in
Bejahung oder Verneinung, durch Bindung
oder Verzicht, kann niemals mit den Waffen
äusserlicher Haltung, Disziplin oder Askese
entschieden werden; nur wahre Einsicht,
jenes Innewerden, das uns das Wesen
unseres Ringens enthüllt, befreit uns auf
eine natürliche, zwanglose Art von dem
rastlosen Streben nach Häufung äusserer
und innerer Werte samt der Enttäuschung,
zu der es führen muss.

(61)

Der menschliche Verstand

(no title)
Der menschliche Verstand hat die Moral
geschaffen, um die Gesellschaft zusammen-
zuhalten; sie ist ein härtendes Bindemittel
wie Zement, aber alles andere als Liebe.

Denken kann niemals den Weg zur Liebe
wissen und noch viel weniger Liebe
erzeugen.

Liebe lässt sich nicht züchten wie eine
Gartenpflanze.

Schon der Wunsch, einem anderen Menschen
Liebe einzupflanzen, kann nur aus dem Verstand
geboren sein.

(60)

Reiche Menschen

(no title)

Reiche Menschen leben in deiner ganz be-
sonderen, nur ihnen eigenen Atmosphäre.

Sie mögen kultiviert und bescheiden sein,
mögen Tradition und Bildung besitzen,
aber sie lassen niemand an sich heran;
sie umgeben sich mit einem Panzer von
Herzenshärte und Selbstsicherheit, der
es unendlich schwer macht, ihnen näher
zu kommen.

Sie sind nicht Besitzer ihrer Reichtümer,
sondern werden von ihnen besessen,
und das ist schlimmer als der Tod.

Ihr ganzer Stolz ist ihre Wohltätigkeit, die
ihnen ermöglicht, sich für Treuhänder an-
vertrauten Gutes zu halten.

In dieser Rolle geben sie Spenden, gründen
sie Stiftungen, schaffen sie, bauen sie und
schenken sie.

Natürlich errichten sie auch Kirchen und Tempel,
aber ihr Gott ist der, ihres Goldes.

Angesichts aller Armut und allen Elends in der
Welt gehört wahrscheinlich eine dicke Haut
dazu, unbeschwert reich sein zu können.

Wohl gibt es manche unter ihnen, die nach
dem Wesen der Dinge fragen und forschen,
aber die Reichen haben es ebenso schwer
wie die Armen, der Wirklichkeit auf die Spur
zu kommen.

Die Armen erschöpfen sich in ihrem Begehren
nach Reichtum und Macht, die Rechen sind
ganz in ihr Treiben verstrickt und wähnen sich
dabei auf dem besten Wege zur Erkenntnis.

Aber die Wahrheit ist, dass sie nur spekulieren,
an der Börse sowohl, wie wenn es um die letzten
und höchsten Dinge geht.

In beiden Fällen handelt es sich um ein Spiel,
bei dem am Ende nur der gewinnt, der mit dem
Herzen bei der Sache ist.

Ihr ganzer Glaube, ihr Gottesdienst, ihre
Hoffnungen und Ängste, alles das ist im
wörtlichen Sinne unwesentlich und eigen-
tlich sinnlos; denn ihr Herz hat daran keinen
Anteil, dieses Herz ist öde und leer.

Je grösser der äussere Aufwand, desto
schlimmer ist ihre innere Armut.

(56)

Ursache von Angst ist die Spannung

(no title)
Ursache von Angst ist die Spannung zwischen
dem, was man ist, und dem, was man sein
möchte.

Angst entsteht, wenn wir das, was wir sind,
als Belohnung oder Strafe auffassen.

Angst geht mit der Verantwortung und dem
Wunsch, von ihr loszukommen, Hand in Hand.

In dem Widerspiel von Lust und Unlust wohnt
die Angst genauso wie im Aufeinanderprallen
von Gegensätzen.

Anbetung des Erfolges erzeugt die Angst vor
dem Misserfolg.

Angst stachelt unsere Gedanken, wenn wir uns
abmühen, etwas zu werden.

Im Gutwerden lauert die Angst vor dem Bösen,
im Streben nach der Erfüllung die Angst vor der
Einsamkeit, im Grosswerden die Angst, doch
klein zu sein.

Vergleichen heisst nicht begreifen, dennoch
hoffen wir, unsere Angst vor dem Unbekannten
durch Vergleich mit dem Bekannten zu bannen.

Angst ist unsere Ungewissheit im Streben nach
Gewissheit.

Das Streben, zu werden, ist der Ursprung aller
Angst, der Angst um Sein oder Nichtsein...

Der Verstand ist der eigentliche Urheber der
Angst, und wenn er selbst die Angst analysiert,
um sich von ihr zu befreien, dann isoliert er sich
dadurch erst recht von der Umwelt und vermehrt
so die Angst.

(54)

Das Verlangen

(no title)
Das Verlangen nach Leiden und harter
Behandlung ist eng verschwistert mit
der Lust, einem anderen Leid zuzufügen,
und die gegenseitige Erniedrigung der
Führer und der Gefolgsleute hat ihre
Ursache in dem Verlangen nach Reizen.

Weil uns nach immer stärkeren Reizen verlangt,
binden wir uns an einen anderen Menschen und
schaffen uns auf diese Art den Führer, den Guru.

Für das Glück, zu ihm zu gehören, sind wir
zu jedem Opfer entschlossen, nehmen wir
Widrigkeiten aller Art, Beleidigungen und
Einschüchterungen auf uns.

(53)

Dieses Begehren nimmt kein Ende

Reize sind etwas anderes als Glück; jeder
Reiz sucht in immer weiteren Zirkeln nach
neuen Reizen.

Reize sind eine unerschöpfliche Quelle
der Lust, sie können sich noch und noch
vermehren, aber jeder befriedigte Reiz
hinterlässt uns von neuem unbefriedigt.

Was nachbleibt, ist immer das Begehren
nach mehr, und dieses Begehren nimmt
kein Ende.

Reiz und Ungenügen gehören untrennbar
zusammen, das Begehren nach mehr
fesselt sie aneinander.

Reiz ist ein Begehren nach mehr oder ein
Begehren nach weniger.

Im Augenblick der Befriedigung des Reizes
meldet sich das Verlangen nach Wiederholung.

Dieses Verlangen ist stets in die Zukunft
gerichtet; es ist die ewige Unzufriedenheit
mit dem, was war, und dem, was sein wird.

Jeder Reiz bedeutet Unzufriedenheit...

Der Reiz ist immer eine Reaktion und wandert
von einem Gegenstand zum anderen.

(51)


Das Ich ist aus Widersprüchen


Das Ich ist aus Widersprüchen zusammen-
gesetzt; es besteht aus vielen Wesenheiten
in verschiedener Verkleidung, und jede von
ihnen steht im Gegensatz zu den anderen.

Das ganze Gefüge des Ichs ist das Ergebnis
einander widerstreitender Interessen und
Werte sowie vieler höchst unbeständiger
Begierden in den verschiedensten Schichten
seiner Existenz.

Und jede dieser Begierden erzeugt zu allem
Überfluss auch noch ihr eigenes Gegenteil.

Das Ich ist also ein wahres Netzwerk in-
einander verwobener Begierden, deren
jede ihre eigene Schwungkraft und ihr
eigenes Ziel besitzt, oft genug in schroffem
Gegensatz zu allen anderen Hoffnungen
und Bestrebungen.

Je nach der Anregung oder dem Reiz des
Augenblicks kleidet sich das Ich bald in
das eine, bald in das andere dieser „Wunsch-
kostüme“, und daraus ergibt sich natürlich eine
Fülle innerer Widersprüche.

Diese Gegensätze in uns selbst sind die
Brutstätten von Illusionen und Schmerzen,
denen wir durch alle erdenklichen Selbst-
täuschungen zu entgehen suchen, ohne
damit jedoch etwas anderes zu erreichen
als eine Verschärfung unserer Konflikte und
unseres Elends.

Wird der innere Widerspruch unerträglich,
dann flüchten wir uns bewusst oder unbewusst
in den Tod oder in den Wahnsinn, dann retten
wir uns in die Hingabe an eine Idee, eine
Partei, ein Volk, irgendeine Tätigkeit die uns
mit Haut und Haaren verschlingt, dann finden
wir vielleicht Halt in einer organisierten Religions-
gesellschaft mit ihren Dogmen und Riten.

Der Zwiespalt in uns selbst führt also entweder
zu weiterer Selbstexpansion oder zur Selbstzer-
störung, dem Wahnsinn.

Wir brauchen nur zu versuchen, etwas anderes
darzustellen als wir sind, und schon ist der
Widerspruch da. Angst vor dem, was ist,
erzeugt die Illusion des Entgegengesetzten,
und indem wir dieses Entgegengesetzte zu
verwirklichen trachten, hoffen wir, die Angst
loszuwerden.

Betonung und Pflege eines Entgegenge-
setzten führt aber nie zu einem Ausgleich
des Widerspruchs, sondern bewirkt nur
seine Verschärfung.

Ausgleich oder Synthese erwächst nun einmal
nicht aus Widerstand; denn aller Widerstand
vergrössert nur die Spannung zwischen den
Gegensätzen...

Ausgleich unserer inneren Gegensätze können
wir nur finden, wenn wir innewerden, wie es um
unser Wüschen und Begehren bestellt ist...

Wenn wir das Wesen des Zwiespalts begreifen
und seiner innewerden, erreichen wir nicht nur
Ausgleich und Frieden, sondern etwas unendlich
viel Grösseres.

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