Neigungen, Absichten und Notwendigkeiten

Wenn wir in einer Situation wachsam sind und irgendeine Ebene von Glück, Interesse, Mitgefühl und Bereitschaft uns einzulassen empfinden, müssen wir sensibel und angemessen reagieren. Häufig müssen wir uns zwischen drei Möglichkeiten entscheiden: Wir tun entweder das, was wir zu tun geneigt sind, das, was wir zu tun beabsichtigen oder das, was zu tun notwendig ist. Bei Entscheidungen, die auch jemand anderen betreffen, geht es zusätzlich darum, was die Person will und was sie braucht. Dabei können einige oder alle diese Wahlmöglichkeiten zusammenfallen. Häufig allerdings unterscheiden sie sich. Das, was wir selbst zu tun geneigt sind oder beabsichtigen, dem, was notwendig wäre, vorzuziehen oder das, was eine andere Person will, dem, was sie eigentlich bräuchte, ist eine Form der Unsensibilität. Wenn wir eine derartige Wahl treffen, haben wir häufig Schuldgefühle. Diese übertriebene Reaktion kommt daher, dass wir das, was wir tun müssen, dualistisch empfinden als das, was von uns erwartet wird, was wir tun sollten. Auf der einen Seite steht ein rebellisches „Ich“ und auf der anderen eine unerfreuliche Aufgabe, die wir eigentlich tun sollten, aber nicht tun. Gewöhnlich wird diese dualistische Erscheinung von moralistischen Urteilen begleitet.

Indem wir den Prozess der Entscheidungsfindung auseinandernehmen, etwa mit Hilfe des Sinnbilds vom platzenden Ballon, löst sich jede mit der Thematik des „Sollens“ zusammenhängende Spannung auf. An Stelle dessen, was wir tun sollten, lässt dieser Prozess das zurück, was getan werden muss. Aber wir wissen oft nicht, was notwendig wäre oder was ein anderer bräuchte. Um es herauszufinden, können wir uns auf unsere fünf Arten Tiefen Gewahrseins, unser Wissen, unsere Erfahrung, unsere Intuition, unser Urteils­vermö­gen und auf verlässliche äussere Informationsquellen stützen.

Selbst wenn wir wissen, was zu tun nötig ist, verspüren wir häufig nicht die Neigung oder die Absicht, es auch wirklich zu tun. Immer noch sind wir verkrampft, selbst wenn die Thematik des „Sollens“ die Sache nicht mehr länger verkompliziert. Müssen wir unseren eigenen Wünschen und Gefühlen gegenüber unsensibel sein? Ist es eine übertriebene Reaktion, Frustration zu empfinden, wenn wir unsere Wünsche oder Gefühle ignorieren müssen? 

Alexander Berzin