Was ist Agape? Ist es wie die höchste Form von Liebe? Die Göttliche Liebe?

Ja, das ist so die vorherrschende Meinung. Aber sie geht am Kern der Sache vorbei. Agape ist eins jener Dinge, die du erst verstehen kannst, wenn du sie unmittelbar erfahren hast. Die Form von Liebe, die wir kennen, ist nur ein blasser Abglanz von Agape. Wie das Flackern der Kerze, das du an der Wand tanzen siehst, das aber nicht identisch ist mit der Flamme selbst. Dem Ursprung nach ist es zwar etwas anderes, aber die Liebe ist es, mit deren Bild sich Agape am erhellendsten darstellen lässt, deshalb übersetzt man es auch so. Mit dem rechten Handeln ist es genauso. Was wir Moral nennen, ist nur ein Abglanz des rechten Handelns. Aber rechtes Handeln ist ebenso wenig die höchste Stufe von Moral wie Agape die höchste Stufe von Liebe ist. Wenn du es verstehst und in der Lage bist, dein Verhalten gemäss dem rechten Handeln auszurichten, brauchst du keine Moral mehr – sie wird augenblicklich hinfällig und überflüssig. Das ist der Kern der Bhagavad-Gita. Arjuna, als moralisches Wesen, wirft seine Waffe zu Boden und weigert sich, einen Krieg zu beginnen. Krishna wandelt ihn um in einen Träger des rechten Handelns, indem er ihn von seiner Illusion befreit, und Arjuna nimmt seine Waffe auf und entfesselt die Schlacht. Rechtes Handeln hat nichts zu tun mit Richtig oder Falsch, mit Gut oder Böse, mit Ungezogensein oder brav. Es ist frei von Altruismus oder Mitleid. Moral, das ist jenes Regelwerk, sind jene Massstäbe, die den Kurs deines Lebens bestimmen, während du dein Schiff noch selbst zu steuern versuchst, anstatt es einfach der Strömung zu überlassen.

(Jedland)

Was ist der Unterschied zwischen Mystik und Erleuchtung?

Als mystische Erfahrung werden punktuelle, individuelle innere Erlebnisse eines Menschen bezeichnet, bei denen das normale Alltagsbewusstsein eines Menschen auf bestimmte Weise überschritten (transzendiert) und eine besondere, intuitive, nicht kommunizierbare Einsicht über das All-Ganze der Realität gewonnen wird. Es handelt sich um eine Art spontanen Durchbruch des Bewusstseins von einer subjektiv-relativen auf eine objektiv-absolute Ebene.

Die Intensität mystischer Erfahrungen kann anhand gewisser Kriterien gemessen werden und kann in der Terminologie der Transpersonalen Psychologie beschrieben werden. Zum Beispiel wird Gottheitsmystik, bei der die Vereinigung mit Gott oder einer Gottheit erfahren wird, anders erlebt als Naturmystik, bei der man sich als Einheit mit der Natur erfährt.

Von der mystischen Erfahrung einer Erleuchtung spricht man nur dann, wenn die damit einhergehenden Veränderungen der Person unumkehrbar sind; der Begriff wird dann auch auf die grundsätzliche, andauernde neue Verfassung der oder des Erleuchteten übertragen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Mystische_Erfahrung


Ich bin ein Mensch geworden....

Ich bin ein Mensch geworden, der für die anderen etwas gefährlich ist, weil ich den Gedanken unter ihnen vertrete, dass Glück, das wir erfahren, bedeutet, dass wir dafür etwas von unserem Leben dahingeben müssen.

vergangene und zukünftige Zeit

Jedes Verlangen, das eben nicht auf Mangel, sondern auf krankhafter Veranlagung beruht, hat die gleiche natürliche Ursache. Du magst ihm so weit als irgend möglich entgegenkommen: seine Begierde wird keine Grenze finden, sondern sich von Mal zu Mal steigern. Wer sich innerhalb der von der Natur gesetzten Grenzen bewegt, wird nichts von Armut spüren, wer diese überschreitet, dem wird auch im grössten Reichtum die Armut Weggefährtin sein. Die notwendigen Dinge gibt es auch an den Verbannungsorten in ausreichender Menge, die überflüssigen nicht einmal in Königreichen. Die innere Einstellung ist es, die den reichen Mann ausmacht, und die eben behält man an den Verbannungsorten wie in den unwirtlichsten Wüstengegenden. Findet sich nur soviel, wie der Körper braucht, hat unser Geist übervolles Genügen und Genuss am eigenen Selbst; um Geld dagegen kümmert er sich nicht, genauso wenig wie die unsterblichen Götter... Aus diesem Grund kann es für einen freien, den Göttern verwandten Geist gar keine Verbannung geben. Er kann sich jeder Welt und jeden Zeitalter anpassen, denn sein Denken umgreift den ganzen Himmelsblau, versenkt sich in jede vergangene und zukünftige Zeit.

(Seneca S.25)

Trotz und Wasser (Ausgabe 48/04 Die Weltwoche)

Von Thomas Meyer

«Schreiben Sie einen Text über das Weinen der Männer», lautet die Aufgabe. Das sagt bereits etwas aus: Das Weinen des Mannes unterscheidet sich vom Weinen der Frau. Ist das so? Zunächst ist zu sagen, dass Aussagen über das eine Geschlecht stets etwas Gegenteiliges über das andere mit meinen: So hört man oft, dass Männer Mühe hätten, über ihre Gefühle zu sprechen. Wer dies sagt (Frauen sagen es), meint damit auch, dass Frauen keine Mühe haben, über ihre Gefühle zu sprechen. Jede geschlechtsbezogene Aussage besteht somit aus zwei Aussagen und ein Text über die Tränen der Männer somit aus zwei Texten.

Würde hier beispielsweise behauptet, dass Männer selten, aber aus tiefster Seele weinen, so besagt dies auch, dass Frauen sowohl pausen- als auch grundlos weinen. Die Voraussetzung für solch abenteuerliche Mutmassungen ist die Annahme, dass Mann und Frau grundsätzlich verschieden sind, das Leben grundsätzlich anders erleben und diesem, sich selbst und einander demzufolge auch unterschiedlich begegnen.

Mann und Frau stellen ihre zahlreichen Theorien jedoch nicht auf, um einander zu verstehen, sondern um sich das Leben leichter zu machen. Die Frau, die behauptet, dass Männer nicht über ihre Gefühle reden können, befreit sich aufgrund der damit festgestellten Tatsache, dass sie sehr wohl über ihre Gefühle reden kann, nämlich von jeglicher Verantwortung: Geht etwas schief, war der Schuldige (der Unfähige) schon längst bekannt.

Zurück zu den Tränen der Männer. Ein Text darüber kommt noch immer daher wie eine Pioniertat. Denn ein weinender Mann ist wie ein Toyota auf dem Pannenstreifen – man sieht so was so gut wie nie. Wann weint ein Mann? Wie und wo? Und vor allem: Warum? Das sind die Unbekannten. Doch vor den Tränen des Mannes müssen wir diesen selbst definieren. Schliesslich macht es wenig Sinn, über den Untergang eines Schiffes zu reden, ohne seine Bauweise und allfällige Eisberge zu erwähnen. Was also ist der Mann?

Der Mann ist ein Mensch. Er ist voller Liebe, die er geben und empfangen möchte; er ist voller Angst, dass ihm das nicht oder nicht mehr gelingen könnte und voller Schmerz, wenn es ihm nicht gelingt; er ist voller Traurigkeit über die Welt und das Leben; über seine Grenzen und jene seiner Träume. Er fühlt sich einsam und unverstanden, oft ist er es auch. Eigentlich ist ihm oft zum Weinen zumute. Aber im allgemeinen Empfinden gilt der Mann als wenig gefühlvoll. Man schreibt diese Tugend eindeutig der Frau zu. Das birgt eine fatale Dynamik: Weil Emotionalität als etwas rein Weibliches betrachtet wird, beanspruchen Frauen sie von vornherein für sich, während Männer nicht wirklich etwas damit zu tun haben wollen.

Tatsächlich ist Emotionalität etwas Weibliches. Die Problematik entsteht auch erst, wenn man «weiblich» mit «nur für Frauen» übersetzt. Denn in jedem Mann steckt viel Weibliches – Zärtlichkeit, Sensibilität, Verletzlichkeit. Wenn aber die Frauen nun denken, das gehöre alles ihnen, und die Männer, das sei alles schwul, dann haben wir ein Problem. Und eine erste Erklärung, warum Männer selten weinen.

Die erste Feststellung lautet daher: «Weiblich» und «männlich» sind Attribute ohne Geschlecht. Es ist unser Drang nach Ordnung und Einfachheit, der diese Attribute absolut verteilt. Eine sachlich denkende Frau gilt demnach unweiblich; ein einfühlsamer Mann als unmännlich. Es entsteht eine Kluft zwischen Sein und Seinsollen. Unsachlichkeit (also viel Tränen) beziehungsweise Regungslosigkeit (also wenig Tränen) rücken die Welt dann wieder zurecht.

Verkitschte Geilheit und faules Gejammer
Nachdem eine weinende Frau keine Seltenheit ist, glaubt man also, dass die Frau einen gesunden Zugang zu ihren Gefühlen, ja: überhaupt Gefühle hat. Beim Mann zweifelt man grundsätzlich an beidem, und zwar in der Art und Verhaltenskonsequenz, wie man einem Jugoslawen eine kriminelle Gesinnung unterstellt oder einer Krankenschwester Frivolität. Die zweite Feststellung lautet deshalb: Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen den männlichen Gefühlen, wie man sie wahrnehmen kann und wie sie wirklich sind.

Wenn man einen Mann mit der Idee beobachtet, dass er zu Gefühlen kaum fähig ist, so wird man auch keinen Ausdruck davon vorfinden und jeden tatsächlichen einem anderen Ursprung zuschreiben. Das Maximum an Emotion, das dem Mann zugetraut wird, ist denn auch die Wehleidigkeit. Auch deshalb zögert er mit dem Weinen – würde Lachen bei Männern als ein Zeichen von Dummheit angesehen, hörte man es wohl auch eher selten.

Die dritte Feststellung lautet: Die angebliche Gefühllosigkeit der Männer wird dadurch real, dass sie gemeinhin als real angenommen wird. Man nennt dies eine sich selbst erfüllende Prophezeiung – die Ursache entsteht erst durch den Glauben an die Wirkung: Verliebtheit wird dem Mann als verkitschte Geilheit ausgelegt und Traurigkeit als faules Gejammer. Also ruft er im Bestreben nach innerer und äusserer Glaubwürdigkeit die Pole seiner Empfindungen zurück und wird emotional moderat – was den Beweis für den ursprünglichen Verdacht erbringt.

Vor einiger Zeit hatte ich eine merkwürdige Begegnung mit einer jungen Frau, die mir einen Abend lang fröhlich eine Reihe von massiven Charakterdefiziten unterstellte, die sie im Übrigen bei allen Männern vorfinde, wie sie versicherte. Unter anderem verkündete sie, dass Männer nur am Körper einer Frau interessiert seien und nie an ihrer Persönlichkeit. Als ich ihr nach einer Weile entgegnete, dass die generelle Niedertracht, die sie bei den Männern auszumachen glaube, wohl eher in ihren konkreten Vorhaltungen liege, guckte sie mich verblüfft an und meinte: «Aber einem Mann macht das doch nichts aus?»

So sieht man ihn, den Mann! Ein grober Steinklumpen, zu keiner Empfindung fähig, und sollte er sich verletzt fühlen, so wird er sich wahrscheinlich geirrt haben. Man nimmt einen Mann nicht ernst, wenn er verletzt ist, denn man traut es ihm schlicht nicht zu. Dass die junge Frau sich selbst als Königin der Feinheit pries, obwohl aus ihrem hübschen Mund die Granaten purzelten, war nur konsequent.

Ein Opfer der nassen Propaganda?
Bitte, ich will mit alledem nicht behaupten, Männer seien verkannte Engel und Frauen gut getarnte Monster. Ich will lediglich zum Ausdruck bringen, dass Emotionen kein Monopol der Frauen sind. Wer aber, wie diese junge Frau, denkt, Mann und Frau seien wie Udai Hussein und Lady Di, läuft Gefahr, sein Verhalten (und seine Gefühle) in keiner Weise mehr zu prüfen.

Gerade bei solchen Frauen fliessen die Tränen ungehemmt, als Zeichen des Vorwurfes, als Flagge der moralischen Überlegenheit. Denn Tränen sind ein Zeichen von Schmerz, und wo Schmerz ist, ist ja wohl auch ein Verursacher. Die junge Frau fing auch tatsächlich an zu weinen, als ich die Grobheit hatte, ihre Vorwürfe nicht gelten zu lassen, sondern sie umzukehren.

«Aha, das ist jetzt also Weinen», denkt sich der Mann zu solchen Tränen, «das ist interessant, kann ich das wohl auch? Bin ich kaltherzig, wenn ich es nicht kann? Oder hat sie einfach einen Knall? Bin ich jetzt ein Macho, so zu denken? Oder schon ein Opfer ihrer nassen Propaganda? Darf ich sagen, dass ich überfordert bin, oder ist das dann wieder egoistisch? Sind ihre Tränen nicht letztlich zu vergleichen mit den Wutausbrüchen Klaus Kinskis?» Solche Überlegungen sind nicht gerade förderlich für die eigenen Tränen.

Die vierte Feststellung lautet nämlich: Die Tränen der Frauen stehen in Korrelation zu den Tränen der Männer. Frauen sehen die Männer selten weinen; das ist ihnen Anlass, die vermeintlich existierende emotionale Führungsrolle zu übernehmen. Männer sehen Frauen oft weinen; das lässt auch den grössten Frauenverehrer die Augenbraue hochziehen und ein distanziertes Verhältnis zum Gefühlsausdruck überhaupt einnehmen.

Lassen Sie uns kurz zur Definition des Mannes zurückkehren, die nichts als die Definition des Herzens war: Das Leben tut dem Herzen weh. Es will jeden Tag aufs Neue hinausspringen und landet doch so oft in den Dornen der Ablehnung, der Ignoranz und der Realität. Die traurige Folge ist, dass das Herz sich verschliesst. Und es gibt ein männliches Verschliessen und ein weibliches, so wie es männliche Körperhaltungen gibt und weibliche. Die fünfte Feststellung lautet darum: Mann und Frau sind nicht grundsätzlich verschieden. Sie erleben die Dinge mit demselben grossen Herzen und derselben grossen Angst, aber sie gehen anders damit um.

Das männliche Verschliessen des Herzens ist die Härte nach aussen. Das männliche Herz will, dass man ihm seine Unverwundbarkeit ansieht, so wie der männliche Autobesitzer will, dass man seinem Fahrzeug Uneinholbarkeit ansieht. Diese Theorie der aktiven Haltung ist zwar ein Widerspruch zu der Behauptung, das männliche Verschliessen sei eine reaktive Folge der Angriffe der Frauen. Jedoch ist zu beachten, dass diese Angriffe ihrerseits eine Folge des Verschliessens sind: Das weibliche Verschliessen nämlich ist die Härte nach innen. Das weibliche Herz scheint dauernd mit sich zu schimpfen, dafür, dass es funktioniert. So sagen Frauen seltsame Dinge wie: «Ich will mich nicht in dich verlieben.»

Frauen sind fähig, ihr Herz an ein fiktives Kommandopult anzuschliessen und von einem Tag auf den anderen zu behaupten, sie hätten absolut keine Gefühle mehr für einen – und sich dann auch konsequent so zu verhalten. Frauen sind auch fähig, vor Erregung zu zergehen und einen exakt gegenteiligen Eindruck zu pflegen. Kürzlich sprach eine gute Freundin über einen möglichen Liebhaber: «Nie würde ich ihm zeigen, dass er mir gefällt!» Verstört forderte ich eine Erklärung, aber sie konnte mir keine geben.

Die Vermutung liegt nahe, dass Frauen gar nicht so einen guten Zugang zu sich selbst haben und Männer wohl gar nicht so einen schlechten. Frauen definieren sich bis zur blanken Hysterie über ihren Körper – und unterstellen dann dem Manne, an nichts anderem interessiert zu sein. Männer tun zwar gerne so, als seien sie unbesiegbar – aber es braucht wenig, bis sie darüber lachen. Daher die sechste und letzte Feststellung: Oft sind die Dinge, die man über die beiden Geschlechter zu wissen glaubt, genau umgekehrt.

Genug philosophiert. Dies ist ein Text über die Tränen der Männer, nun sollen sie fliessen. Hier eine Beschreibung der verschiedenen Tränen, die ein Mann weinen kann.

1 - Die Tränen der Ablehnung
Ich war dreiundzwanzig und sehr verliebt. Das Bett war frisch bezogen, Kerzen thronten reihum, und ich verliess das Haus zu unserem ersten richtigen Rendezvous. Der schöne Abend endete aber nicht in Zärtlichkeit, sondern mit der Beteuerung, dass sie ihren Freund liebe. Das frisch bezogene Bett empfing nur einen Leib und eine Flüssigkeit, nämlich die lauten Tränen der Ablehnung. Es sind dies auch die Tränen der Unverstandenheit und letztlich des Selbstmitleids. Mit den stillen Tränen der Trauer haben sie wenig zu tun, aber die beiden sind sich so ähnlich wie Verliebtsein und Habenwollen.

2 - Die Tränen der Trennung I
Die meisten Männer hören mit Beginn der Pubertät auf zu weinen. Das ist unter anderem auch ein Sieg über den Vater, aber eine Niederlage gegenüber sich selbst. Denn wer einmal seine Tränen zurückhält, wird es wieder tun. Bis man zum ersten Mal richtig liebt und dies zu Ende geht. Dann weint man tagelang, wochenlang, auch all die zurückbehaltenen Tränen, es ist sehr befreiend und in seiner Traurigkeit schön. Man neigt dann zur Deutung, die Geliebte habe einem die Tränen zurückgegeben, und wahrscheinlich stimmt das auch.

3 - Die Tränen der Trennung II
Die Tränen des Verlassenen verwundern wenig, jene des Verlassenden umso mehr. Der Verlassende weint, weil er sich seiner Unfähigkeit zur Liebe bewusst ist, wenigstens zu dieser. Er weint über das zertretene Geschenk. Und er weint, weil eine Trennung traurig ist. Niemand, der geht, tut dies mit Freude. Aber es gibt Menschen, die es fertig bringen, aus einer Trennung einen endgültigen Bruch zu machen und nie mehr ein Wort darüber zu verlieren. Sind sie auch traurig? Man weiss es nicht. Man sieht sie nie weinen.

4 - Die Tränen der erstickten Trauer
Die meisten Menschen, die ich kenne, tragen eine unglückliche Liebesgeschichte mit sich herum, mit der sie nie Frieden geschlossen haben, so das überhaupt möglich ist. Sie alle versuchen, sich mit ihrer unglücklichen Liebesgeschichte zu arrangieren. Ihre Sätze sind schrecklich hilflos: Das Leben geht weiter, ich habe einen Schlussstrich gezogen, man muss nach vorne schauen. Sie ersticken ihren Schmerz. Manchmal bricht er hervor, in einem der vielen Gespräche über unglückliche Liebesgeschichten, und dann brechen auch all die Tränen hervor, und beide erschrecken. Das sind die Tränen des erstickten Schmerzes, die verwandelten und zähen Tränen der Trauer, die man sich versagt hat. Es ist kaum auszuhalten, mit einem erwachsenen Mann an einem Tisch zu sitzen, der keine Minute zuvor noch markige Sprüche zum Besten gegeben hat und nun einen Frauennamen schluchzt.

5 - Die Tränen der Traurigkeit
Vor einiger Zeit hatte eine Freundin eine Affäre. Sie glaubte, dass daraus eine Liebesbeziehung werden würde. Die Art, wie der Mann sich das Mädchen vom Leibe hielt, die klamme Hoffnung in ihren Worten und die Kraft, die sie aufwendete, um ihr protestierendes Herz zum Schweigen zu bringen, waren unerträgtlich, und ich weinte. Das verstörte die Freundin; sie meinte, das sei ganz und gar übertrieben, schliesslich würde sich doch bald alles zum Guten wenden!

Meist untersagt man sich die Tränen der Traurigkeit (und seinem Gegenüber jene der Trauer) und erteilt lieber Ratschläge. Ratschläge heissen so, weil sie ein Schlag ins Gesicht eines Menschen sind, der Mitgefühl benötigt. Aber Mitgefühl macht traurig, und traurig sein macht einen weinen, und wer nicht weinen will, sagt eben lieber: Das Leben geht weiter, du musst einen Schlussstrich ziehen und nach vorne schauen. Es ist schade, dass die besten Freunde einander oft nur Durchhalteparolen zu bieten haben. Unverstandenheit und das Gefühl von Einsamkeit entstehen eben auch hier und oft nur hier.

6 - Die Tränen der Rührung
An der Air 04 in Payerne donnerten die italienischen Kunstflieger «Frecce tricolori» am Himmel herum, Pavarotti jubilierte aus den Lautsprechern, und der Sprecher der Staffel kommentierte mit solcher Herzlichkeit und Theatralik, dass mir die Tränen in die Augen schossen. Das fand ich übertrieben (warum?) und wischte sie mir verstohlen aus den Augen. Neben mir tat mein Vater dasselbe. Keiner sagte etwas. So sind wir Männer! Wir hausieren nicht mit unseren Gefühlen, wir setzen sie voraus. Also verschwenden wir keine Zeit mit gegenseitigem Vorheulen wie die Mädchen, sondern nutzen sie sinnvoll, etwa für den Betrieb von Kunstflugstaffeln. Leider verstecken wir damit eine Menge, vor allem voreinander. Die Tränen der Rührung gibt es auch bei Nationalhymnen und im Kino, und immer findet man sich ein bisschen blöd dafür.

Thomas Meyer, 30, ist Student, Werbetexter und Autor von
«Die Federhure» und «Die Federhure ff.»
(
bureau@thomasmeyer.ch).

http://www.weltwoche.ch/artikel/?AssetID=9373&CategoryID=66

Aristoteles

Das Nützlichste, was man fürs Leben lernen kann:
alles zu verlernen, was nicht wahr ist.

Mix

Es ist erfrischend, festzustellen, dass mein Mix aus: „Die Wünsche, die Männer an Frauen haben“ und „Was Frauen von Männern wollen?“ sich auf gleich viele Punkte belaufen, nämlich exakt je fünf.


3. Eine Frau muss es ernst meinen
Kein Mann schätzt es sonderlich, wenn Sie ihm Ihre Telefonnummer geben, nur weil Sie Ihr ramponiertes Ego defibrillieren wollen. Schon gar nicht, wenn Sie es damit erklären, dass Sie den Herren «eine Chance geben» möchten – und sauer werden, wenn diese auch genutzt wird. Es ist erstaunlich, wie oft gewisse Frauen mit dem klingelnden Telefon in der Hand rufen: «Ou, nein, der wieder!» Immer melde der sich, dabei wolle man gar nichts von dem! Und der checke das einfach nicht! Gefragt, weshalb der Unerwünschte in den Besitz der Nummer gekommen sei, verkünden diese Sirenen gönnerhaft, man könne doch einen möglicherweise interessanten Kandidaten nicht von vornherein abweisen.

Sehen Sie, das ist nicht nett. Natürlich reagieren wir auf Ihre Reize, das ist unsere Natur. Aber Sie können nicht Ihre Bluse bis zum BH aufknöpfen und dann empört die freudige Sichtung solcher Angelegenheiten beanstanden. Oder werfen Sie etwa den Blumen vor, dass sie sich nach der Sonne ausrichten?

6. Eine Frau muss initiativ sein
Der erste Schritt liege beim Mann, darauf bestehen die Frauen und beklagen sich darüber, dass nur Hohlköpfe ihn tun. Es stimmt: Die meisten halbwegs kultivierten Männer trauen sich nicht, eine Frau anzusprechen. Sie fürchten, schon mit dem ersten Wort alles zu vermasseln, und lassen die schönsten Frauen vorbeiziehen, um sich dann für viele, viele Jahre zu ärgern. Da sass beispielsweise vor zwei Jahren im Tram diese erotische Blondine mit der Pelzmütze, die guckte so, und ich guckte auch, und dann stieg ich aus, und sie guckte noch immer, und seither beisse ich mir stündlich in den Arm.

Sie sehen, wir sind auf Ihre Hilfe angewiesen. Angenehm wäre ein orangefarbenes Drehlicht, das Sie wie einen Hut tragen und mit dem Sie Ihre Paarungsbereitschaft zweifelsfrei signalisieren. Unsere erkennen Sie ja ebenso zweifelsfrei an der Tatsache, dass wir Sie anschauen. Wir schauen, wie im vorletzten Punkt gelernt, ausschliesslich Frauen an, mit denen wir schlafen wollen. Allerdings nur, bis sie auch gucken, dann werden wir furchtbar verlegen und senken den Blick, die Wege trennen sich wieder, und viele schöne und aufregende Dinge werden niemals geschehen.

Um diese sich täglich wiederholende Tragödie zu beenden, müssen Sie die Initiative ergreifen. Wenn Ihnen ein Mann gefällt, gehen Sie auf ihn zu, legen Sie Ihre Hand auf seinen Arm und sagen Sie: «Ja, ich will auch mit dir schlafen.» Wir würden uns so freuen! Die Welt wäre ein so viel besserer Ort!

7. Eine Frau muss sagen, was sie will
Das bedingt natürlich, dass sie weiss, was sie will. «Ich verstehe die Frauen nicht!», klagte ich vor langer Zeit und frisch verstört einer Kosmetikerin. Wie ein Orakel sprach diese hinter der Dampfwand hervor: «Herr Meyer, wir verstehen uns selbst nicht.»

Frauen sind also wie Piloten, die keinen Schimmer haben, wozu all die Knöpfe da sind, sich aber weigern, das Cockpit zu räumen. Deshalb: Nehmen Sie sich Zeit, und finden Sie heraus, was Sie wollen. Gleichen Sie Ihre Wünsche mit der Realität ab und mit Ihrem Zyklus. Wenn Sie danach immer noch dasselbe wollen, sagen Sie es. Nur das direkte und ehrliche Wort zählt. Wenn Sie finden, man könne und müsse Ihre Gedanken erraten, sind Sie so glaubwürdig wie eine defekte Ampel.

8. Eine Frau muss Anstand haben
Verblüffend viele Menschen sind knallharte Egoisten. Sie nehmen kaum ihre eigenen Gefühle wahr und fremde gar nicht. Da diese Autisten daher kaum eine zwischenmenschliche Anstandsregel kennen, erlauben sie sich alles und sagen dann: «Ich wollte dich nicht verletzen!» Sagt man ihnen, dass sie sich trotz der guten Meinung über sich selbst verletzend verhalten, verschränken sie beleidigt die Arme.

Eine anständige Frau hingegen lässt sich ihr Benehmen etwas kosten. Sie behandelt andere, wie sie selbst behandelt werden möchte. Und hat sie einmal einen schlechten Tag, nörgelt sie nicht an ihrem Partner herum, sondern geht spazieren, um die Freundschaft zu sich selbst zu belüften.

Zudem erscheint sie immer pünktlich und ruft an, wenn sie es einmal nicht schafft, statt eine SMS zu schreiben; sie schnäuzt leise und zieht in der Öffentlichkeit nicht die Schuhe aus; sie ist im Restaurant zur Bedienung ebenso nett wie zum Gegenüber und hält die Gabel richtig. Sie beschwert sich nicht, wenn man ihr in den Mantel hilft oder sie mit ähnlichen Gesten ehrt. Und wird sie etwas gefragt, gibt sie eine anständige Antwort, auch wenn sie die Frage für ärgerlich oder überflüssig hält.

10. Eine Frau muss zufrieden sein können
Kennen Sie den Begriff «Cinderella-Komplex»? Er umschreibt das Leiden vieler Frauen, nie zufrieden sein zu können. Der letzte und zuweilen grösste Wunsch an die Frau ist dessen Reflexion und Bewältigung – oder wenigstens, dass sie ihn für sich behalten.

Disclaimer: Es ist kaum zu erwarten, dass eine Frau mit diesen Eigenschaften die Frau ist, in die man sich am heftigsten verliebt. Eher passiert es bei jenen, die einen dazu bewegen, im Nachhinein solche Listen zu verfassen.


2. Ein Mann muss sich aufs Wesentliche konzentrieren
Wer sich im Naherholungsgebiet vergnügen will, soll nicht von exotischen Destinationen schwärmen. Ob Sie Angelina Jolie für perfekt gepolstert halten oder Ihnen zum Po der Büropraktikantin beflügelte Adjektive einfallen: Wir wollen es nicht wissen. Erzählen Sie es Ihrem besten Freund, oder schreiben Sie es in Ihr Poesiealbum. Und lassen Sie sich keinesfalls mitreissen, wenn wir von den physischen Vorzügen anderer Frauen schwärmen: Das ist eine Falle!

5. Ein Mann muss Interesse zeigen
Als ich klein war, hörte mir mein Vater stundenlang zu. Währenddessen bastelte er an seinem Auto, meiner Seifenkiste oder Nachbars Stehlampe rum und murmelte verständnisvoll: «Ja, ja.» Irgendwann in der Pubertät erzählte ich ihm, während er auf einem prähistorischen Mobiltelefon herumdrückte: «Dann haben wir uns alle nackt ausgezogen und Crack geraucht.» Mein Erzeuger murmelte: «Ja, ja.»

Frauen holen weit aus. Was noch lange nicht bedeutet, dass sie irgendwann auf den Punkt kommen. Reden bedeutet nicht zwingend Informationsaustausch. Das ist nur natürlich, oder kennen Sie einen Hühnerhof, auf dem nicht gegackert wird? Wichtig ist, dass der Mann wenigstens so tut, als würde er zuhören. Wenn Sie in die weltbewegende Frage, ob die nächsten Strähnchen eher honigblond oder haselnussbraun werden sollen, mit einbezogen werden, dann gehen Sie im Kopf einfach das letzte Champions-League-Spiel durch und murmeln: «Ja, ja.» Bekanntlich haben Wissenschaftler ermittelt, dass durchschnittlich 20000 Worte pro Tag über weibliche Lippen kommen, wohingegen sich das männliche Mitteilungsbedürfnis auf 7000 beschränkt. Ein harmonisches Miteinander kann also nur entstehen, wenn der Mann den Wortüberschuss scheinbar interessiert absorbiert.

Wenn Sie dann noch sagen: «Mein kleiner Edelstein, deine Haut funkelt so verführerisch!», dann werden Sie den besten Sex Ihres Lebens haben.

8. Ein Mann muss standhaft sein
«Sie schaut wieder einen dieser Rosamunde-Pilcher-Filme, und danach beklagt sie sich immer, dass ich ihr noch nie ein Schloss gekauft habe», erklärt ein Kollege sein Ausharren am Arbeitsplatz. Dies ist ein bekanntes Problem. Prinzipiell sind alle weiblichen Geschöpfe Prinzessinnen, die weniger bekommen, als sie verdienen. Nicht nur auf dem Arbeitsmarkt. Beziehungstechnisch handelt es sich bei diesem Phänomen jedoch nicht um den «Cinderella-Komplex», sondern um den anfangs besprochenen Missstand zwischen Angebot und Nachfrage. Dass die meisten attraktiven griechischen Reederei-Erben schon von Paris Hilton besetzt sind und die Hübschen unter den Kennedys das Zeitliche segneten, setzt der weiblichen Laune gelegentlich zu. Zeigen Sie Reue, leisten Sie Abbitte, selbst wenn Sie nicht wissen, worum es eigentlich geht. Zickt Ihre Angebetete allerdings beharrlich weiter, dann muss ein Mann auch seinen Mann stehen können. Widersprechen Sie. Vertreten Sie Ihren Standpunkt. Dann fällt uns nämlich wieder ein, weshalb wir Sie so unglaublich sexy finden.

9. Ein Mann muss erfreulich sein
Die moderne Frau sucht keinen Ernährer, sondern jemanden, der sie erquickt, erfreut, beachtet und ihr applaudiert. Grundsätzlich gilt jedoch: Je mehr Glatze und Bauch, desto positiver wirkt sich ein solides Bankkonto auf Ihre sexuelle Attraktivität aus. Wenn Sie schon ein wenig nach Erde riechen, braucht es allerdings mehrere Millionen und Heiratsabsichten ohne Ehevertrag, damit sich ein hübsches Fräulein, welches Ihre Tochter sein könnte, in Ihren Status verliebt. Es stört uns allerdings nicht, dass wir die Hotelübernachtung übernehmen müssen, wenn Sie aussehen wie ein Adonis und man zwischen Ihren Pobacken Nüsse knacken könnte. Apropos Po: Vermeiden Sie schlechtsitzende Anzughosen. Nur weil gesetzlose Billigketten für jedes Budget eine Bürokleidung bereitstellen, ist das der Balz noch lange nicht zuträglich.

10. Ein Mann soll unsere Schönheit preisen
Man darf es ruhig noch einmal sagen.

 

http://www.weltwoche.ch/artikel/?AssetID=15908&CategoryID=91

http://www.weltwoche.ch/artikel/?AssetID=16202&CategoryID=91




 

 

Zitat von Paulo

"Ein anonymer Text der Tradition besagt, dass jeder Mensch während seiner Existenz zwei grundsätzliche Handlungsweisen haben kann: das Bauen oder das Pflanzen.

Die Erbauer können Jahre benötigen, um ihre Aufgaben zu erledigen, aber eines Tages beenden sie das, woran sie jahrelang gearbeitet haben. Sie hören nun auf und werden durch ihre eigenen Wände beschränkt. Das Leben verliert seinen Sinn, wenn das Bauen beendet ist.

Aber es gibt die, die pflanzen. Diese leiden von Zeit zu Zeit unter den Unwettern, den Jahreszeiten, doch sie ruhen selten. Aber im Gegensatz zu einem Gebäude hört der Garten nie auf, zu wachsen. Und obwohl das zur gleichen Zeit die Aufmerksamkeit des Gärtners erfordert, gestattet es doch auch, dass für ihn das Leben ein grosses Abenteuer ist.

Die Gärtner werden einander erkennen – denn sie wissen, dass in der Geschichte jeder Pflanze das Wachstum der ganzen Erde enthalten ist."

Gründe für die Neigung und die Absicht etwas zu tun

(no title)


Ein Verständnis des den Neigungen und Absichten zugrunde liegenden Mechanismus hilft uns, Spannung zwischen diesen beiden Bereichen und zwischen jedem von ihnen und der Notwendigkeit zum Handeln aufzulösen. Wenn wir verstehen, warum wir zwar die Neigung verspüren mögen eine Sache zu machen, aber die Absicht etwas ganz anderes zu tun, können wir diesen Faktoren auf den Grund gehen. Wenn wir das dann noch gegen die Gründe für die Notwendigkeit, etwas zu tun abwägen, können wir zu einer vernünftigen Entscheidung gelangen.

Im Abhidharma wird bei den Erklärungen zu den Geistesfaktoren und zum Karma die folgende Analyse erwähnt. Je tiefer wir sondieren, desto sensibler und aufrichtiger werden wir gegenüber den Myriaden Faktoren, die an schwierigen Lebensent­schei­dungen beteiligt sind. Um eines leichteren Verständnisses willen wollen wir versuchen, die Komplexität des Themas an einem relativ trivialen Beispiel, dem Essen, zu verdeutlichen. Haben wir einmal verstanden, wie tief jede Analyse gehen muss, um präzise zu sein, so werden wir die Wahlmöglichkeiten bei sehr viel ernsteren Entscheidungen - wie zum Beispiel im Falle einer ungesunden Beziehung - mit der nötigen Sorgfalt betrachten.

Drang ist der Geistesfaktor, der uns in die Richtung eines bestimmten Handlungsablaufs führt. Es gibt zwei Arten von Drang: derjenige, der den Gedanken hervorbringt etwas zu tun und derjenige, der direkt dazu führt, es zu tun. Die Neigung etwas zu tun und die Absicht etwas zu tun sind zwei Beispiele der ersten Art von Drang. Der Entschluss es zu tun, ist ein Beispiel für die zweite Art. Die Neigung etwas zu tun entsteht, wenn wir uns des Grundes nicht bewusst sind. Sind wir bewusst motiviert, dann haben wir schon die Absicht etwas zu tun. Diesen Unterschied wollen wir nun genauer untersuchen.

Die Neigung etwas zu tun kann aus Gewohnheiten und Vorlieben, aus physischen Gründen oder ganz spontan von einer Emotion oder inneren Einstellung motiviert sein. Zum Beispiel fühlen wir uns vielleicht geneigt etwas zu essen, weil wir daran gewöhnt sind oder es vorziehen zu einer bestimmten Zeit zu essen, oder weil wir Hunger oder Anhaftung an Essen verspüren. Diese drei Hauptursachen können sowohl in jeder beliebigen Kombination miteinander als auch einzeln auftreten. Wenn wir die Gewohnheit haben zur Mittagszeit zu essen, verspüren wir zu dieser Zeit eine Neigung zu essen, gleichgültig ob wir tatsächlich hungrig sind oder eine generelle Anhaftung an Essen haben. Wenn wir andererseits aber hungrig sind, tritt die Neigung zu essen unabhängig von der Zeit und unseren Anhaftungen auf. Wenn wir hingegen am Essen haften, verspüren wir ständig die Neigung zu essen, ganz egal ob unser Magen gerade leer ist oder nicht.

Wenn ein Drang zu essen entsteht, während wir uns der Zeit nicht bewusst sind oder nicht daran denken, dass wir hungrig sind, verspüren wir lediglich eine Neigung zu essen. Wir haben nicht notwendigerweise auch die Absicht zu essen. Das Gleiche gilt, wenn der Drang einfach aus Anhaftung ans Essen entsteht. Die Absicht zu essen, bedeutet, dass wir uns der Gründe bewusst und dadurch motiviert sind.

Die Absicht zu essen haben wir, wenn wir uns bewusst sind, was unsere Gewohnheit auslöst, was unsere Vorlieben sind und welchen körperlichen Grund zu essen wir haben. Wenn wir zum Beispiel wissen, dass Mittagszeit ist, und daran denken, dass wir zu dieser Zeit am liebsten essen oder wenn wir merken, dass wir hungrig sind, haben wir die Absicht zu essen. Ebenso haben wir die Absicht zu essen, wenn es einen triftigen Grund dafür gibt; vielleicht haben wir später keine Zeit mehr: Wenn wir überhaupt essen wollen, dann müssen wir es jetzt tun. Das Bewusstsein für die Neigung etwas zu tun kann uns ebenfalls zu der Absicht führen, es zu tun. Manchmal fassen wir die Absicht zu essen einfach nur, weil wir die Neigung verspüren. Obwohl eine unwillkürliche psychologische Motivation zum Essen, etwa die Anhaftung ans Essen, ausreichend ist, damit wir die entsprechende Neigung entwickeln, reicht sie doch nicht aus, um auch die Absicht zu essen hervorzubringen. Wir brauchen noch einen weiteren Grund, etwa dass Mittagszeit ist, und ein Bewusstsein dieses Grundes. Anhaftung an Essen kann jedoch unsere Absicht zu essen unterstützen.

Angenommen aus einer Gewohnheit, einer Vorliebe oder einem körperlichen Grund entsteht der Drang zu essen, bevor wir uns dieses Grundes bewusst sind, oder er entsteht gleichzeitig mit dem Bewusstsein eines triftigen Grundes. In beiden Fällen haben wir sowohl die Neigung als auch die Absicht zu essen. Zum Beispiel verspüren wir die Neigung zu essen, weil wir hungrig sind. Wenn uns dann noch bewusst wird, dass Mittagszeit ist, oder wir später keine Zeit mehr haben zu essen, dann entsteht auch die Absicht zu essen. Gleichermassen können wir sowohl die Neigung verspüren als auch die Absicht haben zu essen, wenn eine unwillkürliche psychologische Motivation durch einen bewussten, triftigen Grund zu essen unterstützt wird. Zum Beispiel haben wir eine Anhaftung an Essen und erkennen zusätzlich, dass wir später keine Zeit zum essen haben. Dann verspüren wir sowohl die Neigung als auch die Absicht zu essen, obwohl es nicht Mittagszeit ist und wir nicht hungrig sind.

Sind wir uns aber andererseits eines triftigen Grundes zu essen bewusst, aber diesem Bewusstsein geht weder ein Drang voraus noch ein psychisches Motiv, dann haben wir die Absicht zu essen, empfinden aber nicht die Neigung. Wir erkennen zum Beispiel, dass wir später keine Zeit mehr haben werden, aber es ist gerade nicht unsere gewöhnliche Essenszeit, wir sind nicht hungrig und haben auch keine Anhaftung ans Essen. In diesem Fall haben wir die Absicht zu essen, verspüren aber keine Neigung.

Umstände oder Beeinflussung durch andere führen eventuell dazu, dass ein Drang etwas zu tun entsteht, wobei wir den Drang als Neigung oder Absicht etwas zu tun empfinden können. Ohne weitere Ursachen ist jedoch keiner der beiden unterstützenden Faktoren ein ausreichender Grund für die Entstehung des Dranges. Wenn zum Beispiel das Essen auf dem Tisch steht oder unsere Freunde im Restaurant ihre Bestellung aufgeben, können wir ebenfalls die Neigung haben etwas zu essen und die Absicht entwickeln es zu tun. Es reagiert aber nicht jeder auf dieselbe Weise. Wenn es weder Mittagszeit ist und wir weder hungrig noch ans Essen verhaftet sind und auch keinen triftigen Grund haben, werden wir - trotz der entsprechenden Umstände und Gesellschaft - keine Neigung empfinden und auch nicht die Absicht haben zu essen. Wozu wir uns letztlich entscheiden ist eine andere Sache.

Alexander Berzin


Neigungen, Absichten und Notwendigkeiten

Wenn wir in einer Situation wachsam sind und irgendeine Ebene von Glück, Interesse, Mitgefühl und Bereitschaft uns einzulassen empfinden, müssen wir sensibel und angemessen reagieren. Häufig müssen wir uns zwischen drei Möglichkeiten entscheiden: Wir tun entweder das, was wir zu tun geneigt sind, das, was wir zu tun beabsichtigen oder das, was zu tun notwendig ist. Bei Entscheidungen, die auch jemand anderen betreffen, geht es zusätzlich darum, was die Person will und was sie braucht. Dabei können einige oder alle diese Wahlmöglichkeiten zusammenfallen. Häufig allerdings unterscheiden sie sich. Das, was wir selbst zu tun geneigt sind oder beabsichtigen, dem, was notwendig wäre, vorzuziehen oder das, was eine andere Person will, dem, was sie eigentlich bräuchte, ist eine Form der Unsensibilität. Wenn wir eine derartige Wahl treffen, haben wir häufig Schuldgefühle. Diese übertriebene Reaktion kommt daher, dass wir das, was wir tun müssen, dualistisch empfinden als das, was von uns erwartet wird, was wir tun sollten. Auf der einen Seite steht ein rebellisches „Ich“ und auf der anderen eine unerfreuliche Aufgabe, die wir eigentlich tun sollten, aber nicht tun. Gewöhnlich wird diese dualistische Erscheinung von moralistischen Urteilen begleitet.

Indem wir den Prozess der Entscheidungsfindung auseinandernehmen, etwa mit Hilfe des Sinnbilds vom platzenden Ballon, löst sich jede mit der Thematik des „Sollens“ zusammenhängende Spannung auf. An Stelle dessen, was wir tun sollten, lässt dieser Prozess das zurück, was getan werden muss. Aber wir wissen oft nicht, was notwendig wäre oder was ein anderer bräuchte. Um es herauszufinden, können wir uns auf unsere fünf Arten Tiefen Gewahrseins, unser Wissen, unsere Erfahrung, unsere Intuition, unser Urteils­vermö­gen und auf verlässliche äussere Informationsquellen stützen.

Selbst wenn wir wissen, was zu tun nötig ist, verspüren wir häufig nicht die Neigung oder die Absicht, es auch wirklich zu tun. Immer noch sind wir verkrampft, selbst wenn die Thematik des „Sollens“ die Sache nicht mehr länger verkompliziert. Müssen wir unseren eigenen Wünschen und Gefühlen gegenüber unsensibel sein? Ist es eine übertriebene Reaktion, Frustration zu empfinden, wenn wir unsere Wünsche oder Gefühle ignorieren müssen? 

Alexander Berzin

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