17. Juli 2006
François explains to me, the fifth component
Die fünfte Komponente ist die Angst. Die Angst vor immerwährender
Leere. Der intuitive Gedanke, dass dein restliches Leben nur eine
emotionale Wüste sein wird, da das geliebte Wesen dir nicht mehr
Gesellschaft leistet. Du merkst, dass Ereignisse oder Abenteuer,
die dich früher bewegt, erfreut oder traurig gestimmt haben dir nun
mehr gleichgültig geworden sind. Du gewinnst den Eindruck, seither
überhaupt nicht mehr viel zu fühlen. In dieser Stimmung nun beschleicht
dich der beunruhigende Gedanke an die fünfte Komponente. Du fragst
dich, ob diese Anästhesie deiner Sinne vielleicht endgültig ist. Gewiss,
du arbeitest noch, du machst neue Bekanntschaften, hast hier und da
ein Abenteuer oder eine Liaison, ja vielleicht heiratest du sogar eine
Person, die in dich verliebt ist, aber all das interessiert dich nur
mittelmässig, ein bisschen so, wie man sich im Fernsehen langweilige
Sendungen anschaut, weil man zu träge ist, sich zu etwas anderem
durchzuringen. Dein Leben kann durchaus noch Buntheit und
Abwechslung dir bieten, aber du wirst es so interessant finden, wie
eine jener bunten Fernsehshows, also sehr wenig. Und dennoch
musst du diese grosse Suppenschüssel voll fader Brühe Tag für Tag
auslöffeln. Andere Komponenten des Liebeskummers werden dich
natürlich nach und nach verlassen haben, die Entzugssyndrome
werden verschwunden sein, wie es normal ist bei Süchtigen, die sich
ihrer Droge lange genug enthalten. Ein bestimmter Ort, eine Melodie,
ein Duft kann die Erinnerung an das geliebte Wesen bisweilen noch
wiedererwecken, ein Schwall des alten Entzugsleidens durchströmt
dich von neuem, deinen Freunden fällt auf, dass du einen Augenblick
unaufmerksam bist, und du hast den Eindruck, dass eine unsichtbare
Wolke über dein Gesicht hinweghuscht. Manche begreifen sofort und
werden versuchen, dich abzulenken oder vom gefährlichen Ort
hinwegzuführen, so wie man einen bekehrten Trinker nicht allzu lange
vor einer Bar herumstehen lässt. Und tatsächlich wird man dich ver-
gleichen können mit jenen Alkoholikern, die über ihre verhängnisvolle
Neigung triumphieren und nur noch Wasser trinken, aber gleichzeitig
erkennen, dass ihr Leben intensiver, reicher und lustiger aussah, als
der Alkohol noch ihr Gefährte war. Manch einer wird dir eingestehen,
dass ihn sein Leben seither langweilt, und auch dass ihn diese
Menschen oft ein wenig farblos vorkommen, obgleich sie ziemlich
angenehm im Umgang sind. Der einzige Vorzug der fünften Kompo-
nente ist, dass du unter ihrem Einfluss die Widrigkeiten des Alltags
gelassener erträgst – wie ein sehr erfahrener Seemann, welcher
angesichts eines Windstosses, der viele andere erzittern lässt,
gleichmütige Ruhe bewahrt. Und so bleibt dir jener Trostgedanke,
den du hegst und pflegst: die ganze Geschichte mit dem geliebten
Wesen hat dich stärker und gelassener gemacht, und am Ende schaf-
fst du es sogar, an den Wert dieser teuer erkauten Gelassenheit
zu glauben – bis zu dem Augenblick, wo ein gewisser Ort, eine Melodie,
ein Duft........



